Kolumne
Die Novemberdepression 2.0

Während die Autorin Gülsha Adilji im 30 Grad warmen Phuket sitzt, sinniert sich über mögliche Rezepte gegen das Wintertief.

Gülsha Adilji
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Über den Jura zieht die Nebeldecke.

Über den Jura zieht die Nebeldecke.

Lisa Bachmann aus Oberdorf (SO)

Novemberdepressionen sind wie Fashionblogger: Irgendwie nicht perfekt genug, um echte Depressionen zu sein, respektive echte Models, aber vorhanden in einer absurden Dosierung, die keiner Gesellschaft aufgebürdet werden sollte.

Die Wintermelancholie ist genau wie diese Tumblr-Stars, sie kann jeden treffen! Vielleicht kennen Sie sogar jemanden, der betroffen ist und tatsächlich seine Freizeit damit verbringt, vor laufender Webcam Dinge aus Tüten auszupacken.

Ich bin selber betroffen, nicht vom Modebloggertum sondern von dieser Novdep; wir nennen es jetzt der Einfachheit halber wie etwas, das klingt, als sei es ein moldawisches Medikament gegen Fusspilz.

Der Nebelmonat schlägt mir jedes Jahr schwer aufs Gemüt, wie grippeähnliche Symptome nach einem abenteuerlichen Besuch im Swinger-Club. Meine Freunde wissen mittlerweile, dass ich an Novdep leide, so wie auch meine Vorgesetzten das vor einigen Jahren mitgeschnitten haben. Ich wurde gar zu einem Gespräch geladen, um über meine unsägliche Laune zu reden.

Da mir grundsätzlich die Sonne aus jeder Körperöffnung scheint, schlägt jede Negativ-Abweichung meiner Gemütsverfassung extrem aus – sie ist ähnlich suspekt, als würde Polo Hofer den Weisswein an einem SRF-Apéro verschmähen.

Der Winter wird schlimm. Sehr, sehr schlimm

Ich wurde also vor vier Jahren mit einer Mail mit dem Betreff «Wir müssen reden» konfrontiert und musste mich, im Sitzungszimmer sitzend, erklären und meine zickige Attitüde und meine verminderte Leistungsfähigkeit rechtfertigen.

«Es tuet mir leid, ich han sit knapp acht Jahr sehr müeh im Winter, und mini Lune isch denn eifach im A....». Meine Programmchefin zu dieser Zeit hatte grosses Verständnis, ermahnte mich aber, dass ich doch bitte diese Sache in den Griff kriegen soll, im Sinn von Urlaub so planen, dass ich Anfang Winter in die Sonne fliege.

Während ich das schreibe, sitze ich in Phuket bei 30 Grad und Luftfeuchtigkeit irgendwas hohes. (Leider weiss ich nie, was die Angaben bei Luftfeuchtigkeit bedeuten. Wenn jemand sagt, «uuuf, 100% Luftfüechtigkeit», habe ich keinen Schimmer, was das genau heisst.)

Neben dem Lichtmangel, der sich erwiesenermassen auf die menschliche Psyche auswirkt, kommt die beissende und unerbittliche Kälte dazu, die ohne Vorwarnung die Übergangsjacke zu belgischer Schokolade macht: lächerlich.

Wobei gerade jetzt meine Urlaubsplanung biz lächerlich zu sein scheint. In der Schweiz sind es fast 20 Grad, wie ich auf Instagram erfahren habe. Und obwohl ich nur wenig Auskunft geben kann über Luftfeuchtigkeit, weiss ich erstaunlich viel über den Winter: Es bleibt nicht so! Es wird schlimm, sehr schlimm.

«Winterdepression – mehr als bloss ein Novemberblues»

Natürlich habe ich für Sie recherchiert und versucht, noch mehr über die Winterdepression in Erfahrung zu bringen. Recherchiert bedeutet in meinem Universum, dass ich «Novemberdepression» im Google-Suchfenster eingegeben, die ersten zwei Eso-Einträge weggeklickt und den dritten Artikel, den Wikipedia-Beitrag, einhergehend studiert habe.

Neben dem, was ich schon darüber wusste, kam als Symptom «Heisshunger auf Süsses» dazu. Jap, ich habe auch nicht schlecht gestaunt. Ausserdem gibt es tausig Videos auf YouTube zu diesem Thema.

Ich hätte ja gerne alle durchgeklickt, aber ich bin im Urlaub, mache täglich vier Stunden Sport und schlafe so viel wie möglich, um meine Serotonin-Rezeptoren winterfit zu machen. Dazu kommt, dass die so Titel haben wie «Winterdepression – Mehr als bloss ein Novemberblues»; hätte ich mir all diese Vorträge angeschaut, müsste ich mich wohl einweisen lassen, weil es echt schlimm um mich bestellt wäre.

Und das hätte vermutlich nicht so lustige Folgen, weder für mich noch für den Psycho-Doktor. Würde mich der Arzt bei der Anamnese fragen, ob ich Heisshunger auf Süssigkeiten habe, um zu evaluieren, ob ich an einer Winterdepression leide? Das wäre gar nicht nötig, denn ich hätte nach meinem Internet-Crash-Studium bereits eine

Liste mit allen Medis zur Hemmung der Serotoninwiederaufnahme zusammengestellt, die ich dem Doktor wissend über den USM-Tisch gereicht hätte, damit er mir ein Rezept ausstellen würde. Aber das will ja niemand, deshalb gehe ich jetzt bei 30 Grad im Schatten und uhhh viel Luftfeuchtigkeit ins Yoga. Yoga machen nicht nur Fashionblogger, das könnten auch Sie machen, wenn Sie an Winter leiden. Es nimmt den Heisshunger und entfacht das Feuer in den Muskeln – und Feuer ist ja auch Licht.