Tatort Antike
Die Mutter erschlagen, und alle Welt muss mitfeiern

Den Ehemann vergiftet. Zeugen einer Untat geblendet. Eine ganze Stadt niedergebrannt ... Beim «Tatort» im Fernsehen am Sonntagabend schläft jeder ein, der sich den «Tatort Antike» zu Gemüte führt. Ein neues Buch gibt Auskunft.

max dohner
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Mord an Agrippina, angeordnet durch Kaiser Nero (r.). Gemälde von Antonio Zanchi (1631–1722), Galerie Alte Meister, Kassel. bridgemanart.com

Mord an Agrippina, angeordnet durch Kaiser Nero (r.). Gemälde von Antonio Zanchi (1631–1722), Galerie Alte Meister, Kassel. bridgemanart.com

Der Autor des Buchs, der klassische Philologe Cornelius Hartz, hält sich dabei an die dokumentierte Geschichte. Die ist überwuchert mit Übertreibungen und Legenden und wurde, vor allem in der Literatur und bildenden Kunst, weiter ausgemalt.

So etwa wird, Wissensstand heute, Kaiser Nero nicht mehr für den «Brand von Rom» verantwortlich gemacht. Oder das schrecklichste Beispiel oben: Eine unglaubliche Serie barbarischer Bräuche, blutrünstiger Raserei, Geilheit und Rache-Exzessen gipfelt in der Mahlzeit mit dem Fleisch geschlachteter Söhne. Das düstere Panorama zeichnete Shakespeare in seinem Stück «Titus Andronicus». Es gab und gibt eben kaum grösseres Erschauern über den Abgrund des Menschen als beim Blick auf das Böse in der Antike.

Hier zählen wir, mithilfe des Buchautors Cornelius Hartz, einige berühmte und «wahre» Fälle auf.

Am Anfang hätten wir freilich das Buch beinahe wieder zugeklappt. Nicht aus Furcht oder Entsetzen. Wer auch nur einen schwachen Eindruck dessen bekommen hat, was in der Antike an Verbrechen geschah, weiss, was auf ihn zukommt. Etwa wegen der TV-Serie «Spartacus», eine öde sexualisierte Ketchup-Version, über weite Strecken erfunden, der tatsächlichen Ereignisse.

Nein, Cornelius Hartz selber vergrault uns in seinem Vorwort mit Platitüden: «Seit es Menschen gibt, gibt es Verbrechen.» Ach ja? «Und es hat immer Menschen gegeben, die gegen die Regeln verstossen haben.» Aber das ist nur der erste Abschnitt. Dann packt der nüchterne sachkundige Ton des Philologen: «Und doch gibt es einen grossen Unterschied zu unserer heutigen Zeit: In der gesamten klassischen Antike gibt es keinen funktionierenden Polizeiapparat.» Eine Verbrechensbekämpfung, die den Namen verdient, habe es nicht gegeben. Dafür das Wort: «Nullo actore, nullus iudex» – zu Deutsch: «Wo kein Kläger, da kein Richter.»

Aber genug der Präliminarien und des Lateins! Kommen wir auf drei Fälle zu sprechen.

Neaira in Griechenland war eine berühmte Hetäre, eine Edel-Prostituierte. Als sie vor Gericht steht, ist sie bereits um die sechzig. Wir wissen deshalb so viel von ihr, weil der damalige Ankläger, ein Mann namens Apollodoros, auch ihr Leben detailliert beschrieben hat, vielleicht angetan von Neaira, wie so viele.

Neaira ist zehn und von ihrer Mutter wahrscheinlich ausgesetzt, als sie von einer Bordellwirtin in Korinth gekauft wird. Die Handelsstadt Korinth war damals berüchtigt für ihr Rotlicht-Viertel. Die Bordellbetreiberin präsentiert Neaira als ihre eigene Tochter – und erzielt so höhere Preise (Freigeborene waren teurer als Sklavenmädchen). Edelhetären kannten sich in Musik, Kunst und Literatur aus und begleiteten Männer, ähnlich wie klassische Geishas in Japan, auch an intellektuelle Symposien. Zu Neairas Kunden zählen namhafte Politiker, Philosophen, Sportler, Dichter und Schauspieler. Mit sechzehn ist sie zum ersten Mal in Athen. Und es kommt, wie es kommen musste: Die Galane liegen sich ihretwegen schon bald in den Haaren.

Neaira nutzt ihre Anziehungskraft nach allen Seiten. Aber auch die Männer rechnen: Zwei Stammkunden kaufen die Sklavin mit Langzeit-Option. Das ist sündhaft teuer, kommt aber immer noch billiger als viele Einzelnächte.

Als die Männer heiraten, offerieren sie Neaira, sich wieder freizukaufen. Dafür hat Neaira nicht genug Geld (mittlerweile ist sie Mutter von drei Kindern) – sie beginnt zu stehlen. Die Männer zerstreiten sich ihretwegen. Einer entführt sie, der andere zerrt den Fall vor Gericht. Es endet mit einem Vergleich: Neaira erhält den Status einer Freigelassenen. Aber sie muss abwechselnd bei den beiden Streithähnen wohnen und ihnen sexuell zu Diensten sein.

Das bringt niemandem weder Lust noch Frieden. Nun folgt eine ganze Welle von Prozessen. Weitere Männer sind darin verstrickt, auch politische Feinde, darunter unser Apollodoros. Seine Gegner versuchen, ihn aus dem Weg zu räumen. Mit einer Anklage gegen Neaira, Schützling seiner Gegner, kann Apollodoros zurückschlagen: Neaira soll wieder als Sklavin verkauft werden, sein Widersacher verlöre das Bürgerrecht.

Leider ist über den Ausgang des Verfahrens nichts bekannt. 1887 schrieb ein deutscher Philologe, auch er, viele Jahrhunderte danach, bezirzt von Neaira: «Dass der Racheakt gelang und sie wieder verkauft wurde, möchte ich nicht glauben.»

«Nichts scheint einfacher, als Nero zum Monster zu stilisieren», schreibt Autor Cornelius Hartz zum Kaiser, den wir bereits erwähnten. Wenn Nero Rom auch nicht in Brand steckte, um im Schein des Feuers auf der Lyra zu spielen und dazu zu singen, sind andere Verbrechen verbürgt, die er beging. Eines sticht besonders heraus: der Mord an seiner Mutter.

Diese Mutter, Agrippina, ist massgeblich am Aufstieg Neros beteiligt. Agrippinas Bruder, Caligula, war mit 28 Jahren einem Attentat zum Opfer gefallen. Ihm folgt Claudius auf den Cäsarenthron, der Agrippina zur Frau nimmt (Nero ist ihr Sohn aus erster Ehe mit einem Politiker). Eigentlich will sie an die Macht. Vorerst bringt sie Claudius dazu, Nero als Sohn zu adoptieren. Und diesen verheiratet sie, römisches Recht beugend, im Alter von sechzehn Jahren, mit seiner Stiefschwester Octavia, Claudius’ dreizehnjähriger Tochter. Ihren Mann Claudius bringt Agrippina danach um, mit Gift. Ein Arzt musste nachhelfen, als Claudius erbrach und röchelte; er steckte ihm eine vergiftete Feder in den Rachen. Der Traum Agrippinas, das Reich zu regieren, aber erfüllt sich nicht.

Also beschliesst sie, Nero für ihre Zwecke zu benutzen. Mit vierzehn macht sie ihn offiziell zum Senator. Der will indes lieber dichten, singen und Theater spielen. Als er sein erstes Todesurteil unterschreiben soll, sagt Nero: «Ich wünschte, ich kennte die Buchstaben nicht.» Dann stirbt sein Bruder, Britannicus – auch hier vermutet man, dass Agrippina dahintersteckt. Nero beginnt, die Rabenmutter zu isolieren. Und schmiedet Pläne, sie ganz zu beseitigen. Ein Philosoph – Seneca (Neros Lehrer) – hat die Finger im Spiel.

Soll wieder Gift wirken? Agrippina hat zu viele Erfahrungen damit und würde sich vorsehen. Also soll sie bei einem «Schiffsunglück» sterben – ein hoher Marinechef ist Nero dabei behilflich (auch er ein ehemaliger Lehrer). Nero veranstaltet für Mama bei Neapel ein Fest. Für den Rückweg bietet er ihr sein eigenes Schiff an, küsst und umarmt sie. Es wird so konstruiert, dass es auf See auseinanderbricht und absäuft (natürlich mit Mann und Maus, den dummen Ahnungslosen). Doch dann funktioniert der Mechanismus nicht. Agrippina kann sich an Land retten.

Nero verliert die Geduld. Einem Boten Agrippinas drückt er ein Schwert in die Hand und lässt ihn darauf sofort festnehmen – der Kerl habe ihn im Auftrag der Mutter umbringen wollen. Umgehend setzt sich eine Schar Offiziere in Marsch. Sie töten Agrippina mitten unter Schaulustigen. Ihre letzten Worte sind überliefert: «Triff meinen Bauch!»

Fortan ist der Todestag der Mutter für ganz Rom ein offizieller Festtag. Neros Gangart wird härter. Ein Attentat kann er noch überstehen (Seneca hingegen kostet es das Leben). Kurz darauf putschen Generäle. Auf der Flucht nach Ägypten hört Nero, der Senat habe ihn zum Staatsfeind erklärt, und macht seinem Leben ein Ende. Er wurde dreissig Jahre alt.

Wurde die Welt gegen Ende des römischen Imperiums endlich humaner, christlicher? Also nach Konstantin dem Grossen und Kaiser Theodosius? Unter Theodosius wurde das Christentum zur Staatsreligion des Reiches, 380 n.Chr. Damals lebte in Alexandria eine Frau, eine berühmte Wissenschafterin, die die Stadt nie verliess: Hypathia. Sie lehrte neben Mathematik und Astronomie auch Philosophie und Ethik.

Alexandria war zu jener Zeit Schauplatz schwerer Unruhen mit religiösem Sprengstoff (was entfernt an die heutige Lage in Ägypten erinnert). Im bedeutendsten Heiligtum der Stadt verschanzten sich Heiden mit Christen als Geiseln. Kaiser Theodosius (in Byzanz) musste ein Machtwort sprechen. Er verfügte, das Heiligtum sei einfach zu zerstören. Dazu gehörte eine gross angelegte Bücherverbrennung.

Einer tat sich darin besonders hervor: Patriarch Kyrillos I., ein christlicher Eiferer und Hetzer. Nachdem alle steinern, heidnischen Zeugnisse beseitigt waren, zog Kyrillos gegen ihre lebenden Vertreter zu Felde – gegen Wissenschafter, Dichter und Philosophen. Hypathia, mittlerweile eine feste Grösse in Alexandria und sehr charismatisch, geriet in den Sog der Säuberungen. Noch war der neue Glaube nicht verankert in den Köpfen. Noch mussten die Schwankenden gegen «Gefahren» fremden Geistes «geschützt» werden.

Patriarch Kyrillos diffamierte Hypathia. Davon aufgestachelt, versammelte sich ein wütender Mob, um sie zu lynchen. Hypathia sollte gesteinigt, mit Tonscherben lebendig gehäutet und in Stücke gerissen oder durch die Strassen zu Tode geschleift werden. Das entsprach der damals gängigen Praxis zur Bestrafung überführter Hexen. Hypathia wurde aus ihrem Haus oder aus ihrer Schule gezerrt, entkleidet und getötet – nach einer der genannten Methoden.

Etwa ein halbes Jahrtausend nach Hypathias’ Tod stellte die Kirche fest, dass es in ihren Schriften wichtige Passagen gibt, und versuchte, Hypathia nachträglich zur Christin zu stilisieren. Nach der Reformation diente sie als Mittel zum Zweck in Traktaten gegen die katholische Kirche. Zur Tötung Hypathias schreibt der Buchautor: Die Tat «ist nichts weniger als ein vorsätzlicher Mord». Das hielt die Kirche nicht davon ab, den Mörder Kyrillos heiligzusprechen.

Tatort Antike – Kriminalfälle des Altertums. Cornelius Hartz. 142 S. Verlag Philipp von Zabern, 2012, Darmstadt/Mainz.

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