#MaturTortur
Die mathematische Mannigfaltigkeit

Heute Montag beginnt die doch ziemlich intensive Prüfungsphase von Kantischüler Patrick Züst. Wie er sich darauf vorbereitet und was er zu repetieren hat, lesen Sie in seiner neuen Kolumne.

Patrick Züst
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Keystone

Während Sie diese Zeilen lesen, bin ich wahrscheinlich bereits am Rande der Verzweiflung. Vermutlich tippe ich jetzt gerade wie wild auf meinem Taschenrechner herum, schüttle dann wütend den Kopf und streiche – einhergehend mit einigen wüsten Beschimpfungen – alle Berechnungen wieder durch, die ich während der vergangenen halben Stunde voller Elan auf mein Blatt gekritzelt habe.

So stelle ich mir das zumindest vor. Denn heute steht mit dem Fach Mathematik die zweite von insgesamt neun Maturaprüfungen an. Vier Stunden lang in einem Raum mit Pythagoras, Euler und rund hundert kritzelnden, kopfschüttelnden Kantischülern. Darauf habe ich mich natürlich vorbereitet. Wenn auch nur mit mässigem Erfolg.

Vier Jahre Mathematik – repetiert an einem Nachmittag. So lautete vergangene Woche der Plan von Moritz, Lukas und mir.

Wider Erwarten sind wir dabei kläglich gescheitert. Jedoch stolperten wir nicht etwa über eine Sinuskurve, einen Normalvektor oder eine Integralrechnung.

Nein, es war die Sprache, welche die Mathe-Materie für uns zur unlösbaren Gleichung machte. Denn in den vergangenen vier Jahren hat uns der Immersionsunterricht an der Kantonsschule Wohlen zunehmend in drei stark divergente Richtungen gelenkt. Schnittpunkte gibt es praktisch nicht mehr.

Im Fach Mathematik wurde Moritz nämlich auf Englisch, Lukas auf Deutsch und ich auf Französisch unterrichtet. Und jetzt, nach vier Jahren, verstehen wir uns nicht mehr.

Mit «dérivées», «rayons vecteurs» und «équations cartésiennes» kenne ich mich unterdessen ziemlich gut aus. Wie diese Fachbegriffe aber auf Deutsch heissen, das habe ich nie gelernt.

Ein mathematisches Gespräch ist so nicht mehr möglich. Und deshalb wandelte sich unsere algebraische Kurvendiskussion vergangene Woche ziemlich schnell zum eklatanten Sprachenstreit: Wörterbücher ersetzten Taschenrechner, Flüche ersetzen Formeln. Unsere kleine Lerngruppe entwickelte sich mit exponentiellem Ausmass zum anarchistischen Chaossystem.

Es ist die biblische Erzählung des babylonischen Turmbaus, welche sich vergangene Woche im ländlichen Wohlen wiederholte. Eine Sprachverwirrung, die uns daran hinderte, das so vielversprechende mathematische Projekt zu vollenden. Deshalb sitzen wir jetzt vermutlich gerade alle zusammen kopfschüttelnd in der Aula. Und verstehen alle gleich wenig.