Zettel
Die grosse Mail-Debatte der Kulturjournalisten

Von Literatur-Kritikern erwartet man Schöngeistiges. Doch wenn es sie selber betrifft, liegen die Nerven schnell mal blank.

Sabine Altorfer
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Verlag Sonderzahl mit den Neuerscheinungen.

Verlag Sonderzahl mit den Neuerscheinungen.

Printscreen Sonderzahl.at

Die Diskussion läuft heiss in der deutschsprachigen Literaturkritiker-Zunft. Die Nerven liegen blank. Was ist los? Ein Skandal? Ein Plagiat? Wieder mal eine richtig satte Gesinnungsdebatte? Nein, nur eine IT-Panne. Aber wie schon Bertolt Brecht wusste, macht eine Panne die Menschen nervös.

Es beginnt harmlos. Der österreichische Verlag Sonderzahl schickt eine Anfrage, ob ich die Programmvorschau digital oder per Briefpost oder gar nicht erhalten wolle. Ich mache mein Häkchen und schickte es zurück. Andere auch. Dann beginnt der Sonderlauf. Meine Antwort – und die der anderen – landet nicht nur beim Verlag, sondern wieder bei allen. Mail um Mail, mit Betreff «Sonderzahl» sonder Zahl.

Dann die höflichen, später rabiaten Bitten, nicht an alle zu antworten. Dann kommen die Flüche – auch von Absendern, von denen man sonst nur Schöngeistiges liest. Dann der Aufruf: «Wenn alle schweigen, hört es auf.» Aber die Erklärer und die Lustigen geben nicht so schnell auf, was die Flucher und die Belästigten wieder auf die Palme bringt. Es war grossartig.

Interessanter als die Ursache des Mail-Selbstläufers ist die Frage: Wird es dem Verlag nützen oder schaden? Man müsste eine Studie machen, ob die Bücher häufiger besprochen werden oder der Verlag von den Kritikern boykottiert wird.

Überwiegt langfristig also der Ärger oder hat sich der Name Sonderzahl so eingeimpft, dass man die Programmvorschau anschaut – falls sie denn digital reinkommt, die Bücher bestellt und bespricht. Ob sich also die Politiker- und Kulturweisheit bewahrheitet: Es ist egal, ob gut oder schlecht über einen geschrieben wird, Hauptsache, es wird geschrieben.