Chinas Aktienmarkt
Die chinesische Führung hat kein Rezept

Felix Lees Analyse zu den Kursstürzen an Chinas Börsen: «Der Hauptgrund für die Verluste: Die Anleger haben ihr Vertrauen in die jüngsten Regierungseingriffe verloren.»

Felix Lee
Felix Lee
Drucken
Seit Beginn dieser Woche geht es wieder drunter und drüber: Am Montag brachen die Kurse an Chinas Leitbörse in Schanghai um 8,6 Prozent ein. (Symbolbild)

Seit Beginn dieser Woche geht es wieder drunter und drüber: Am Montag brachen die Kurse an Chinas Leitbörse in Schanghai um 8,6 Prozent ein. (Symbolbild)

KEYSTONE/AP CHINATOPIX

In der vergangenen Woche schien es noch, als hätten sich die chinesischen Aktienmärkte wieder beruhigt. Nach den Turbulenzen der vergangenen zwei Monate hatten die staatlichen Marktregulierer massiv eingegriffen und den Handel für eine Vielzahl von Papieren sogar komplett ausgesetzt. Das sollte die Kursschwankungen mildern. Nach den heftigen Abstürzen um fast 30 Prozent vom Höchststand Mitte Juni hatten sich die Kurse tatsächlich etwas erholt.

Doch seit Beginn dieser Woche geht es wieder drunter und drüber: Am Montag brachen die Kurse an Chinas Leitbörse in Schanghai um 8,6 Prozent ein. Das war der bislang grösste Tagesverlust seit 2007. Und am Dienstag ging es zunächst weiter: Die Kurse fielen zunächst um weitere 4 Prozent. Nur mit Stützungszusagen der chinesischen Führung konnte der Absturz gestoppt werden. Am Ende lag das Tagesminus bei 1 Prozent. «Die Sorgen um China sind zurück», bewerteten Analysten des Bankhauses Barclays Capital die jüngsten Turbulenzen.

Statt verstärkt zu investieren, verkauften viele Privatanleger

Der Hauptgrund für die Verluste: Die Anleger haben ihr Vertrauen in die jüngsten Regierungseingriffe verloren. Um die Märkte zu stabilisieren, hatte die chinesische Führung in den vergangenen Wochen 21 staatliche Anlagefirmen aufgefordert, in grossen Mengen Aktien zu kaufen. Zugleich hatte die Zentralbank weitere Hunderte von Milliarden Yuan in die Märkte gepumpt. Doch statt selbst wieder verstärkt zu investieren, verkauften viele Privatanleger rasch. Sie wollten angesichts der leicht steigenden Kurse ihre Verluste der vergangenen Wochen zumindest ein Stück weit wieder wettmachen.

Dass die Börsen am Montag so plötzlich in den Keller rauschten, lag an der automatischen Verlustbegrenzung. Viele Anleger hatten in ihren Depots die runde Summe von 4000 Punkten als Grenzwert eingestellt. Fallen die Kurse unter diese Marke, stossen die Börsencomputer die Aktien automatisch ab. Entsprechend gab es an den Märkten am Montag keinen Halt mehr, als die Indizes unter 4000 Punkte fielen. Mittlerweile gehen der chinesischen Führung die Instrumente aus, um den Börsencrash zu bremsen.

Sie hatte sich erhofft, dass sich mit der Öffnung der Finanzmärkte realistische Preise für die dort gehandelten Unternehmen entwickeln. Das ist zur Bewertung der chinesischen Volkswirtschaft drängender denn je. Denn momentan weiss keiner genau, wie effizient und profitabel insbesondere die chinesischen Staatsunternehmen sind. Doch zu einer solchen realistischen Bewertung der Marktlage ist es nie gekommen. Denn Chinas Anleger agieren an den Börsen wie Zocker in einem Kasino. Für ein langfristiges Engagement an den chinesischen Aktienmärkten fehlt es an Vertrauen.

Keine Katastrophe, aber ein ungünstiger Zeitpunkt

So heftig die Kursabstürze derzeit sind – Analysten erwarten dennoch nur geringe Auswirkungen auf die Konjunktur oder gar die Weltwirtschaft. «Der chinesische Aktienmarkt weist nur eine begrenzte Verschränkung mit der Realwirtschaft auf», sagt Ökonom Brian Jackson vom Forschungshaus IHS. So hat das Börsenfieber der vergangenen Monate zwar viele Chinesen gepackt. Mit massenweisen Privatinsolvenzen ist aber nicht zu rechnen.

Denn Chinesen haben gerade mal rund 13 Prozent ihres Vermögens in Aktien angelegt. Zum Vergleich: In den USA sind es 56 Prozent. Und selbst wer sich anstecken liess, gehört nicht per se zu den Verlierern. Um 150 Prozent war der Wert der chinesischen Aktienmärkte innerhalb eines Jahres gestiegen. Um rund 30 Prozent seit dem Höchststand Mitte Juni ist er gefallen.

Wer also vor einem Jahr eingestiegen ist und nun nicht gleich panikartig verkauft hat, dessen eingesetztes Vermögen ist immer noch sehr viel mehr wert als vor einem Jahr. Allerdings kommen die heftigen Turbulenzen zu einem äusserst ungünstigen Zeitpunkt. Schon seit geraumer Zeit steht Chinas Gesamtwirtschaft erheblich unter Druck. Das Wachstum verlangsamt sich, Investitionen bleiben aus.

Vor allem die Automobilindustrie leidet unter Überkapazitäten. Immer mehr Branchen beklagen Gewinneinbrüche. Die Stimmung chinesischer Produzenten ist laut einer Umfrage der vergangenen Woche auf den niedrigsten Stand seit 15 Jahren gefallen. Der vom Staat angefachte Börsenboom sollte für neue Wachstumsimpulse sorgen. Dieses Ansinnen ist nicht aufgegangen. Und andere Rezepte scheint die chinesische Führung auch nicht auf Lager zu haben.

ausland@azmedien.ch

Aktuelle Nachrichten