Kolumne
Die Agglo – unsere Heimat

Wer diese Zeilen liest, befindet sich mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht auf dem «Land» und auch nicht in einem der Stadtkerne, sondern in der Agglomeration.

Georg Kreis
Georg Kreis
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Man muss nicht Historiker sein, um zu wissen, dass die Siedlungsstruktur des Landes in den letzten Jahrzehnten einen rasanten Wandel erfahren hat: Wandel in Form sowohl von Verdichtung als auch Erweiterung. Historiker dürften diesen Vorgang übrigens etwas gelassener nehmen, weil sie entschieden besser wissen, dass dieser etwas schneller oder langsamer fortschreitende Prozess nicht erst jüngeren Datums ist und gegen Ende des 19. Jahrhunderts für die damals lebende Bevölkerung nicht weniger tiefgreifend war.

Georg Kreis

Der Autor ist emeritierter Professor für Neuere Allgemeine Geschichte und Geschichte der Schweiz an der Universität Basel. Er war bis 2011 Leiter des Europainstituts Basel und Präsident der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR). Kreis ist Mitglied der FDP.

Herkunft, Siedlungsstruktur und Abstimmungsverhalten

Die Ausdehnung der Kernstädte und der damit verbundene Verlust «ländlichen» Landes ist bisher vor allem unter raumplanerischen Gesichtspunkten diskutiert worden. Diese sind nach wie vor wichtig. In jüngster Zeit ist jedoch eine weitere Problematik hinzugekommen: die Frage nämlich, welche Konsequenzen sich aus den Veränderungen im Siedlungsraum auf das Abstimmungsverhalten ergeben. In den rituellen Kommentaren zu den Abstimmungswochenenden wird noch immer nach dem Ausschau gehalten, was traditionellerweise als «Stadt-Land-Gegensatz» bezeichnet wird und eine seit Jahrhunderten eingeübte Betrachtungsweise ist. Das wird auch am kommenden 30. November so sein. Mit Sorge wird dann – aus der Perspektive der städtischen Beobachtungszentren – festgestellt, dass dieser Gegensatz zunehme und sich die Stadt-Land-Balance wegen der Ausdehnung der Agglomerationen zum Nachteil der Kernstädte dem «Land» zuneige.

Was ist mit dieser Gewichtsverschiebung gemeint? Gemeint ist die Zunahme der auf dem Land stärker ausgeprägten konservativen und selbstbezogenen Haltungen auf Kosten der in den Städten stärker ausgeprägten liberalen und offenen Haltungen. Dies schien sich ja in der berüchtigten Abstimmung vom 9. Februar bestätigt zu haben. Was zu den bissigen Kommentaren führte, dass ausgerechnet die Bürger, die selber an der Zersiedlung partizipieren und von ihr profitieren, die Zuwanderer für flächendeckende Überbauung verantwortlich machten und darum an der Urne gegen sie stimmten. Dies, obwohl der verschwenderische Umgang mit unbebautem Lebensraum weitgehend hausgemacht ist.

Nicht alle Fragen sind vom Stadt-Land-Gegensatz bestimmt

Wenn in Abstimmungen über siedlungsrelevante Fragen aufgrund des eigenen Wohnorts bestimmte Haltungen eingenommen werden, kann das einleuchten. Es gibt aber zahlreiche andere Fragen, die in keinem direkten Zusammenhang zum Ort stehen, in dem man lebt: etwa die Frage der liberalen Schwangerschaftsregelung, der restriktiven Waffenregelung oder der künftigen Lehrplanregelung. Werden solche Vorlagen auf dem Land – oder eben in der Agglomeration – nur wenig unterstützt, muss dies aus einer allgemeineren Mentalität abgeleitet werden. Dem sei entgegengehalten, dass man, wo auch immer, nicht darum «städtisch» oder «ländlich» abstimmen sollte, bloss weil man in der Stadt oder auf dem Land oder eben in der Agglo wohnt. Es sollte diesbezüglich kein Gruppen- oder Herdenverhalten geben, keine Konformität nach vermeintlich vorherrschender Haltung der eigenen Umgebung. Dies auch dann nicht, wenn die Werbung ihre Mittel gezielt auf vermeintliche Land- oder Stadtmenschen ausrichtet. Es sollte auch auf dem «Land» Bürgerinnen und Bürger geben, die «städtisch» abstimmen und vice versa.