Kolumne
Der Bundesratssender aus einem Thurgauer Städtchen

Tele D ist seit 1985 unter dem Namen Lokalfernsehen Diessenhofen bekannt und sendet in der Ostschweiz an 200'000 Haushalte. Doch beim Regionalsender gaben sich schon fast alle Bundesräte und weitere Prominenz die Hand. Wieso?

Oswald Sigg*
Oswald Sigg*
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Tele D wie Diessenhofen.

Tele D wie Diessenhofen.

Printscreen der Homepage

Im Thurgau sendete Tele D vor 30 Jahren schon aus einem zum Studio umgebauten alten Estrich bewegte und kommentierte Bilder an damals vorerst 142 Anschlüsse in der Diessenhofener Altstadt. Tele D und auch das Studio mit dem schrägen Ambiente gibt es heute noch immer, das Programm kommt auf 200'000 Anschlüsse in der halben Ostschweiz. Aber Ende Juli werden es über die Aufschaltung bei SwisscomTV (Position 159) über drei Millionen Haushalte landesweit empfangen können.

Wenn Günther Jauch auf RTL zum privaten Fernsehen in der Schweiz die Ricola-Frage stellen würde – «Wer hat es erfunden, Frank A. Meyer, Armin Walpen oder Roger Schawinski?» – keine Antwort wäre die richtige. Es ist nämlich der 1948 geborene Dorfschullehrer Peter Schuppli aus Diessenhofen. Genau genommen hat Schuppli unter der simplen Bezeichnung «Lokalfernsehen» den staatsbürgerlichen Unterricht seiner Schule in einem TV-Programm umgesetzt. Daraus entstand der eigentliche Bundesratssender.

Alle kamen sie nach Diessenhofen, von Ogi bis Roderer

Im April 1998 nähert sich ein Armeehelikopter im Südanflug Diessenhofen. Bundesrat Ogi sagt zum Piloten: «Nei, hie müesst er ache, hie!» Er kennt die Destination, er war schliesslich 1991 der erste Bundesrat, der sich für Tele D engagierte. Der Helikopter landet auf dem Feldweg. Den sportlich aus der Maschine springenden Magistraten begrüsst Peter Schuppli inmitten von zwei Dutzend Jugendlichen – dem Empfangskomitee, das nebenan im regennassen Acker steht. Ogi ist von Schuppli wieder einmal freundlich eingeladen worden zu einem halbstündigen TV-Gespräch über Gott und die Welt und Ogi. Ein solches Angebot – im 46 Kilometer entfernten SRF-Studio Leutschenbach als «Steinzeitfernsehen» tituliert – ist für jeden Politiker so verführerisch wie überzeugend.

Deswegen kommen und kamen sie alle, und nicht nur Politiker – unter vielen anderen: Walter Roderer, Anneliese Rothenberger, Beni Thurnheer, später Ferdy Kübler, Sepp Blatter, Mäni Weber, Helmut Hubacher, Emilie Lieberherr, und nach 2000 sind es Prominente wie Erich von Däniken, Sina, Jean Ziegler, Nubya und vor kurzem etwa Belinda Bencic, Andreas Thiel oder auch Carl XVI. Gustaf. Der König von Schweden blieb bisher einziger Vertreter des europäischen Hochadels. Wie gesagt: Die wenigen Namen stehen für beinahe 400 Politiker, Künstler und Komiker aller Arten und beider Geschlechter, und die Höhepunkte des Tele-D-Programms bilden 95 Auftritte von fast allen Bundesräten und Bundesrätinnen.

Die Präsenz der Classe politique, eher noch das Amalgam zwischen Gratin fédéral, diverser Berühmtheiten und der Cervelat-Prominenz, ist nicht nur medial, sondern auch zivilgesellschaftlich ein couragiertes Unikat. Den eidgenössischen Politikern sind die Besuche bei Tele D hoch anzurechnen. Denn für einmal stehen sie hier weder in der «Arena» noch im «SonnTalk», sondern einfach im Studio eines Lokalsenders mit einer Suisse-Miniature-Ausstrahlung. Politiker mit genuinen Selbstzweifeln werden sich gesagt haben: Hier sieht mich sowieso keiner oder hier muss ich mich garantiert nicht nochmals anschauen. Eine ideale Konstellation – auch für das Publikum. Die Sendungen sind authentisch, nicht hochprofessionelle Talk Shows.

Das D von Diessenhofen könnte auch «Demokratie» bedeuten

Und nun erlebt Schuppli also das Highlight: die schweizweite Verbreitung seines Programms, das aus lauter eidgenössischer, kantonaler und lokaler Politik, Kultur, Wirtschaft und Sport besteht, das gänzlich werbefrei ist, ohne jegliche Bundes-Subventionen auskommt und wo alle Mitarbeitenden – rund 30 an der Zahl – freiwillig und ohne Spesenentschädigung arbeiten. Und das alles mit einem Jahresaufwand von derzeit etwa 120'000 Franken.

Das D in der Marke Tele D – es könnte auch Demokratie bedeuten. Es steht als lebendiger Widerspruch zur kommerziellen Logik der meisten Fernsehprogramme, selbst jener der SRG. Tele D ist irgendwie entstanden in der Vereins-Kultur des Dorftheaters: mit der fröhlichen Lust an Auftritt und Spiel und Politik – und das mit bundesrätlicher Präsenz. Der einzige amtierende Bundesrat noch ohne jeglichen Auftritt im Estrich-Studio von Diessenhofen ist übrigens Didier Burkhalter. Als Aussenminister reist er eben im Bundesratsjet, und der kann in Diessenhofen auf dem Feldweg beim Acker nicht landen. Noch nicht.

* Oswald Sigg war bis 2009 Vizekanzler der Schweizerischen Eidgenossenschaft und Bundesratssprecher. Zuvor war er Journalist, unter anderem Chefredaktor der Schweizerischen Depeschenagentur, anschliessend Informationschef mehrerer Departemente.

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