#MATURTORTUR
Blind Date mit der Weltliteratur

Shakespeare liegt auf meinem Bett. Er ist dick, spricht nur undeutlich und scheint sich in meinem Zimmer sichtlich wohl zu fühlen. Denn obwohl ich ihm über Wochen hinweg praktisch keine Aufmerksamkeit geschenkt habe, ist er noch immer da.

Patrick Züst*
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Die ganz Grossen warten auf unseren Kolumnisten Patrick Züst.

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Zur Verfügung gestellt

Vielleicht auch gerade deswegen. Momentan ist er in guter Gesellschaft. In meinem Zimmer haben sich nämlich die ganz Grossen der Weltliteratur versammelt. Sartre hat es sich auf meinem Schreibtisch gemütlich gemacht – gleich daneben leistet ihm Goethe Gesellschaft.

Auf meinem Bücherregal stehen Hesse, Camus und Lessing mit freiem Blick auf die Schweizer Suter und Lüscher, welche neben meinem Fernseher ausharren. Ich geniesse die Eloquenz dieser illustren Gesellschaft. Wenn ich aber am Abend jeweils in die Runde schaue, ernte ich stets nur vorwurfsvolle Blicke. Und das völlig zu Recht.

Seit Monaten bereits sollte ich mich mit den Autoren beschäftigen, ihnen die Aufmerksamkeit zukommen lassen, die ihnen eigentlich gebührt. Schliesslich habe ich mich selbst für sie entschieden. Sie sind Teil meiner Top Ten aus der französischen, der englischen und der deutschen Literaturgeschichte.

Mit ihnen verbringe ich freiwillig noch mehr Zeit als bereits in den vergangenen Jahren. Und zum ersten Mal muss ich das auch. Denn während man sich bis jetzt bei allen Literaturprüfungen mit Internetzusammenfassungen und viel Fantasie locker hatte durchmogeln können, wird das bei den mündlichen Maturaprüfungen schon etwas schwieriger.

Noch rund zwei Monate habe ich, bis ich sie in- und auswendig kennen muss. Was sie sagen, was sie nicht sagen und was sie neben alldem wirklich sagen wollen. Ohne viele Vorüberlegungen habe ich mich damals für sie entschieden. Es ist ein Blind Date mit der Weltliteratur.

Jetzt, wo ich sie vor mir habe, mag ich sie nicht mehr. Sie sind mir zu alt, zu dick, zu kompliziert. Und ihre Gegenwart beginnt mich langsam aber sicher zu irritieren. So kann das nicht weitergehen. Also mache ich genau das, was man gemäss meinen Lehrern auf gar keinen Fall tun sollte.

Ich werfe deutsche, französische und englische Literatur in einen Topf – besser gesagt in einen Sack. Alle zusammen sperre ich sie für die nächsten Wochen in unser Kellerabteil. Ich gehe in mein Zimmer zurück und lade mir die verbannten Schriftsteller auf meinen E-Reader. Dort werde ich ihnen wohl auch nicht viel mehr Zeit widmen. Aber immerhin starren sie mich dann nicht mehr die ganze Zeit so vorwurfsvoll an.

*Patrick Züst schreibt über sein letztes Schuljahr an der Kanti Wohlen.