Wochenkommentar
Basel zwischen Stuhl und Bank

Die Stadt Basel hat das gleiche Problem wie ihr FCB: zu gross für die Region, zu klein für die Welt. In der Region ist (vor allem im Kontext mit der Kantonsfusion) gerne vom «Moloch Basel» die Rede.

Matthias Zehnder
Drucken
Teilen
Blick vom Kleinbasel aus Richtung Münster.

Blick vom Kleinbasel aus Richtung Münster.

Die Landschaft fühlt sich von der Stadt erdrückt, gleichzeitig ist sie von der Wirtschaftskraft des Zentrums abhängig. Die Region Basel ist die stabilste Wirtschaftsregion der Schweiz – und in der Region konzentriert sich die Wirtschaft auf die Stadt. Die Landschaft fühlt sich von der Stadt erdrückt – ganz ähnlich wie die Sportclubs in der Region vom FCB.

Zu Hause ein Riese, in der Welt ein Zwerg

So geht es nicht nur dem FCB, sondern auch Basel. Läge die Stadt Basel in Frankreich, wäre sie, gemessen an der Zahl ihrer Einwohner, die vierzehntgrösste Stadt des Landes. Rang 14, das ist zwischen Le Havre und Saint-Étienne, weit hinter Städten wie Rennes, Lille, Bordeaux, Montpellier, Strasbourg und Nantes. In Deutschland läge Basel noch weiter hinten, wohl nach Saarbrücken auf dem 43. Rang, knapp vor Mülheim an der Ruhr. Vor Basel lägen Städte wie Hagen, Kassel, Mainz, Erfurt, Lübeck, Freiburg, Kiel und Chemnitz (Rang 29).

Basel, eine Stadt wie Saint-Étienne und Mülheim an der Ruhr? Nein, das entspricht nicht dem Selbstverständnis von Basel. Saint-Étienne ist die Hauptstadt des südfranzösischen Départements Loire. Die Stadt liegt am Fluss Furan, etwa 50 Kilometer südwestlich von Lyon. Mülheim an der Ruhr liegt im westlichen Ruhrgebiet zwischen Duisburg und Essen. Die Stadt gehört zum Regierungsbezirk Düsseldorf. Beide Städte haben zweifellos ihre schönen Seiten, sie gehören aber weder zu den jeweiligen nationalen Preziosen noch sind sie in irgendeiner Beziehung Lokomotiven für Frankreich oder Deutschland. Sie sind das, was man sich unter einer Provinzstadt vorstellt. Nein, Basel will mehr sein als eine solche Provinzstadt.

Und setzt sich damit zwischen Stuhl und Bank. Mit Roche und Novartis beherbergt die Stadt zwei Weltkonzerne. Will Basel dafür sorgen, dass die Pharmariesen weiterhin in Basel wachsen, muss die Stadt sich gegen Standorte wie Boston, Schanghai und Hyderabad durchsetzen. In der Region muss sich Basel mit Liestal auf Augenhöhe begeben. Basel ist 13-mal grösser als Liestal – das entspricht dem Verhältnis von Berlin und Gelsenkirchen. Die Folge: International muss sich Basel auf ein Tabourettli stellen, um Augenhöhe zu erreichen, regional geht die Stadt in die Knie und macht sich damit klein.

Gegen GC der Krösus, gegen Real Madrid der Bettler

Dem FCB geht es ganz ähnlich. Heute spielt der FCB in Zürich gegen GC. Natürlich sind die Hoppers im Letzigrund immer für eine Überraschung gut. Aber das ist nicht das Thema. Der Tabellenerste trifft auf den Tabellenneunten. GC hatte bisher einen Zuschauerschnitt von 3972 Zuschauern, der FCB begrüsst im Schnitt 30 342 Zuschauer an seinen Spielen. International verwandelt sich der Riese aus der Schweiz in einen Zwerg. Real Madrid spielt im Schnitt vor über 70 000 Zuschauern, einzelne Spieler verdienen mehr als das ganze Kader des FCB zusammen. In der Vergangenheit bereitete gerade dieses Umschalten zwischen der Zwergenliga Super League und der Champions League, der Liga der Riesen, dem FCB Mühe: Streller, Frei und Co. hatten Mühe, Thun oder St. Gallen ernst zu nehmen, nachdem sie in der grossen Welt gegen Chelsea und Co. angetreten waren. Bei der Stadt Basel ist es gerade umgekehrt: Die Stadt hat Mühe, vom Klein-Klein in der Region umzuschalten auf die harte, weltweite Konkurrenz und Boston oder Hyderabad die Stirn zu bieten. FCB und Basel haben beide aber nur eine Zukunft, wenn sie dieses Umschalten verinnerlichen und sich den Platz zwischen Stuhl und Bank zu eigen machen. Heisst für Basel: Nach der Fusionsdebatte muss die Stadt den regionalen Zwist abstreifen, sich wieder um die echten Probleme kümmern und den grossen Städten Paroli bieten. Ohne Super League kommt der FCB nicht in die Champions League, ohne dass Basel sich international behauptet, kann die Stadt nicht regional die Rolle spielen, die ihr zusteht. Sonst wird aus Basel tatsächlich ein Saint-Étienne des Nordens – oder ein Mülheim am Rhein.

Aktuelle Nachrichten