Kolumne
Atomkater und Ahnensturm

Die az-Kolumnistin Gülsha Adilji schreibt in ihrer Kolumne, dass es nichts ausmacht, wenn sie mit einem Atomkater zu spät zur Arbeit kommt. Und weitere Probleme, die sie herumtreibt.

Gülsha Adilji
Gülsha Adilji
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Gülsha kam verkatert zur Arbeit – kein Problem beim Jugendsender Joiz TV. (Themenbild)

Gülsha kam verkatert zur Arbeit – kein Problem beim Jugendsender Joiz TV. (Themenbild)

Monkey Business - Fotolia

Ich bin hässig. Ich möchte Steine werfen, betrinke mich aber spontan nach einem gemütlichen Abendessen beim Italiener. Einen Limoncello nach dem anderen lasse ich mir vom kosovoalbanischen Kellner bringen. Dabei hasse ich Limoncello, schmeckt, als würde man Parfum trinken. Aber die Diskussion ist so beklemmend und unaushaltbar, ich muss einfach trinken.

Mit einem Atomkater sitze ich vor meinem Bildschirm, ich bin fast drei Stunden zu spät bei der Arbeit erschienen. Gott sei Dank gehört es als Moderatorin von einem Jugendsender, ich meine natürlich Social-TV – meine Vorgesetzten mögen es nicht, wenn wir Jugendsender sagen – zum guten Ton, ab und zu fahnenschwingend das Büro zu betreten. Ich habe betrunkenerweise auf dem rechten offenen Auge geschlafen, es tränt und schmerzt sehr. Noch immer angesöselt und halb blind lese ich das Mail von Anna. Anna korrigiert meine Texte. Sie ist meine Geschichten-Fee und Komma-Inspektorin.

Streamlinen bis zum Skype-Bömbel

Ich lese also, dass sie meine Kolumne im Grunde gut findet, aber irgendwie sei der Kern unklar. Ausserdem hat sie das Wort mäandrieren verwendet und streamlinen. Ich weiss nicht, was das bedeutet, und ich bin nicht wirklich in Google-Laune. Sie hat noch weitere Punkte angefügt, die ich alle einsehe. Ich fand den Text nicht wirklich gelungen, aber niemals könnte ich mich an einen halbguten Text setzen und versuchen, irgendwie noch was rauszuholen, ich bin ja nicht Bushido. Krieg, Flucht, fehlende Sicherheit, Informationshoheit der Medien, Zuckersucht, Diktat von oben zum ganzen Sein und Erziehung zum Konsum hab’ ich in 4000 Zeichen zusammengemanscht.

Ohne irgendein Ziel oder Satzzeichen habe ich erklärt, wie verkackt die Welt sei, in der wir leben, und dass man – ich – nichts weiter tun könne, als sie sich ständig schönzutrinken. Während ich hier halbblind, aber tiefenentspannt am Schreiben bin, ploppt mein Skype-Bömbel auf. Für alle Print-Leser: Das ist wie E-Mail, aber man kann damit auch telefonieren und chatten. Sven hat mir die Facebook-Page vom Ahnensturm gesendet, dem Sicherheitsdienst der PNOS. «Rückführungslager statt Asylzentren» oder «Ihr sollt euch nicht integrieren, anpassen oder einbürgern lassen! Ihr sollt nicht mitbestimmen oder mitreden! Ihr sollt verschwinden! Ausländer raus!» Ich blinzle mit schmerzverzerrtem Gesicht, mein Auge ist genauso wütend wie ich.

Halbblinde Piraten

Irgendwelche Idioten, die aus irgendwelchen Gründen völlig verblendet und unwissend durch die Welt torkeln, halbblinde Piraten, die sich Angst, Hass und Kampf auf die Fahne geschrieben haben. Wo sind diese Menschen falsch abgebogen und viel wichtiger, weshalb wird so etwas von einer Gesellschaft geduldet? Sie werden abgetan als einzelne Dumpfbacken, die eine extreme Haltung vertreten. Nur leider ist dies nicht ganz wahr: Fremdenfeindlichkeit und das Schüren von Ängsten wird neben lustigen Musikvideos zum Hauptthema während des Wahlkampfs. Es scheint salonfähig, ein Light-Rassist zu sein.

Weil man ja mal sagen darf, dass man Bedenken hat und sich Sorgen macht, weil es kommen ja uhhhchoge viel ins Land. Und, phhuuuhhuuu, die sind ja auch alle Moslems. Es sollte aber ganz und gar nicht gesellschaftsfähig sein, so etwas zu sagen, weil es inhuman und dumm ist. Man sollte sich empören, wann auch immer irgendjemand davon redet, dass es zu wenig Platz habe oder dass «die» sich nicht integrieren wollen, «die» also wieder dorthin sollten, wo sie hergekommen sind. Man darf im 21. Jahrhundert doch nicht dafür sein, dass Menschen ausgeschafft werden können oder dass es überhaupt so etwas wie Ausländer gibt. Es gibt Menschen, die zufällig hier oder zufällig dort geboren wurden. Erdbewohner halt.

Oder übertreibe ich? Klinge ich wie eine knuffig naive Gymischülerin oder klingen alle anderen viel zu wenig wie knuffig naive Gymischülerinnen? Mein Blick auf die Welt ist getrübt und wird verzerrt, weil ich nicht zu früh abgestillt wurde und sehr emphatisch bin; so wie ihr Weltbild auch nix anderes ist als flackernde Schatten auf einer steinigen Wand. Wieso also nicht ab und zu mal versuchen, die Welt mit meinen Augen zu sehen? Umgekehrt versuche ich, mich in die Mitglieder des Ahnensturms zu versetzen. Mit diesen Informationen können Sie machen, was Sie wollen, am besten denken Sie beim Italiener darüber nach, reden, werden hässig und trinken grusigen Limoncello. Reden noch mehr, bleiben nüchtern und gehen am 18. Oktober an die Urne.