Analyse
Opium für den Geist: China schränkt Videospiele massiv ein – manche Eltern würden sich das auch hier wünschen

China macht mit seinem neuen Gamingverbot für Kinder und Jugendliche Schlagzeilen. Nicht nur in China ist der Konsum von Videospielen in den letzten Jahren massiv gestiegen – doch für den Westen ist die tägliche Gamingzeit der Kinder Sache der Eltern, nicht der Regierung.

Katja Fischer De Santi
Katja Fischer De Santi
Drucken
Teilen
Wie oft und wie lange Kinder in China Videospiele spielen dürfen, ist ab jetzt Sache der Regierung.

Wie oft und wie lange Kinder in China Videospiele spielen dürfen, ist ab jetzt Sache der Regierung.

Corinne Glanzmann

Was für eine Schlagzeile: China verbietet seinen Kindern und Jugendlichen Videospiele. Unter der Woche sollen Minderjährige gar nicht mehr im Netz zocken dürfen, von Freitag bis Sonntag nur maximal eine Stunde pro Tag. Sogar die Uhrzeit wird in der Regelung genauestens festgelegt. Mittels Gesichtserkennung und Zugangslimiten seitens der Hersteller wird das neue Gesetz kontrolliert.

Den Grund für die strikten Massnahmen: Die Spiele seien «Opium für den Geist» und würden die kommende Generation moralisch wie ­psychisch zugrunde richten, liess die chinesische Regierung via Nachrichtenagentur verbreiten. Darüber lächeln wir im freien Westen nur. Das wäre ja noch, dass unsere Regierung solche Erlasse tätigen würde. Das liegt doch in der Eigenverantwortung jedes Einzelnen. Die Eltern müssen das im Griff haben, so der Tenor.

Nun, die meisten Eltern sehen das vermutlich etwas anders. Zumindest heimlich und hinter vorgehaltener Hand. Denn was Chinas Regierung tut, ist was viele Eltern selbst kaum hinbekommen: Den Game-Konsum ihrer Kinder auf ein gesundes Mass zu reduzieren.

Die staatlichen Verordnungen Chinas sind zwar massiv übersteuert, aber sie umreissen ziemlich genau die Möglichkeiten, die auch hierzulande fast alle Eltern ausschöpfen, um ihre Kinder von den Konsolen wegzubekommen: Fixe Spielzeiten einführen, ergänzt mit totalen und meist willkürlich verhängten Gameverboten. Woran man sieht, dass Kinder auch im gelobten Westen in einer Art elterlicher Willkür-Diktatur leben, aber das ist ein anderes Thema.

«Chinas Regierung tut, was viele Eltern kaum mehr hinbekommen: Den Game-Konsum ihrer Kinder auf ein gesundes Mass reduzieren.»

Zurück zu den Videospielen. Deren Konsum ist in den letzten Jahren massiv gestiegen, nicht nur, aber vor allem in China. Laut Angaben des renommierten Marktforschungsinstituts Newzoo spielen von insgesamt 1,4 Milliarden Bewohnern des Landes knapp 619,5 Millionen (44 Prozent) Computer- und Videospiele und gaben dafür allein im Jahr 2018 knapp 37,9 Milliarden Dollar aus.

China steht damit auf Platz eins der Gaming-Weltrangliste. Doch damit nicht genug: Bereits seit November 2003 ist E-Sport – das professionelle Gamen – von der chinesischen Regierung als offizielle Sportart anerkannt und wird seither kontinuierlich gefördert. Die Früchte dieses Engagements sind mittlerweile überall sichtbar: Chinas Jugend ist im E-Sport fast unschlagbar. Und seit 2017 können ebendiese Talente Gamen als Studienfach wählen.

Das will alles gar nicht zu diesem neuen rigorosen Verbot passen. Auf der einen Seite pusht man die Game-Industrie und den Konsum mit allen Mitteln, auf der anderen Seite fürchtet man moralischen Zerfall, Konzentrationsstörungen und Sucht. Zumindest Letzteres ist nicht von der Hand zu weisen ist. Seit 2019 wird die Computerspielsucht von der Weltgesundheitsorganisation offiziell als Krankheit aufgeführt. Erste Klinken, auch in der Schweiz, haben sich bereits darauf spezialisiert.

Die Regierung in China agiert ähnlich wie überforderte Eltern hierzulande. Zuerst schenken wir unseren Kindern Spielkonsolen und teure Games und sind froh, wenn sie sich ruhig damit beschäftigen. Um am nächsten Tag gegen das «ewige Gamen» zu wettern und das W-LAN um 22 Uhr im ganzen Haus abzustellen, damit sie endlich ins Bett gehen.

In diesem Moment würden sich viele Eltern wünschen, es gäbe eine «böse» Regierung, auf die man die Verantwortung schieben könnte und die mit technischen Lösungen den Missbrauch unmöglich macht. Doch vermeintliche einfache Lösungen helfen weder im Kinderzimmer hier, noch in China. Weniger Gamen ist das eine, den Kindern sinnvolle Alternativen bieten und mit ihnen gemeinsam Zeit zu verbringen, das andere. Staatliche Verbote helfen wenig, um die Eltern-Kind-Beziehung zu retten. Was da schon mehr helfen würde, wäre miteinander zu spielen, wenn es sein muss auch auf der Konsole.

Aktuelle Nachrichten