Analyse
Im Supermarkt wird der Kunde zum Mitarbeiter – Zeit, bessere Arbeitsbedingungen zu fordern

Selbstbedienung, Self-Scanning, Selbermachen: Wenn der Kunde schon mitarbeiten muss, dann sollen Läden auch 24-Stunden offen haben - aber bitte ohne Überwachung. Eine Analyse zum Einkaufen.

Raffael Schuppisser
Raffael Schuppisser
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So haben wir in der 70er-Jahren eingekauft.

So haben wir in der 70er-Jahren eingekauft.

Keystone

Als meine kleine Schwester vier Jahre alt war, wurde sie öfters zu Frau Wenger geschickt. In den Händen hielt sie einen Einkaufskorb, in dem ein Zettel und eine Zwanzigernote lagen. Sie reichte die Einkaufsliste Frau Wenger, die in ihrem Laden alles zusammensuchte, es in den Korb legte, die Zwanzigernote in die Kasse schob und das Rückgeld meiner Schwester gab. So war das in den 70er-Jahren.

In den 80er-Jahren, als ich für solche Einkaufsdienste alt genug war, gab es in unserer Nachbarschaft keine Frau Wenger mehr. Und weder in der Migros noch im Coop konnten kleine Buben allein einkaufen. Dafür boten die Geschäfte Zugang zu einer grossen Tiefgarage, die vor allem samstags gut gefüllt war.

Geduld haben oder selber machen

Wie alles unterliegt auch das Einkaufen dem Wandel der Zeit. Die jüngste Tendenz ist eindeutig – und genau das Gegenteil von Frau Wengers Motto: Die Kunden sollen möglichst viel, die Angestellten möglichst wenig machen. Die Metzgerei und die Käseecke, wo man freundlich gefragt wird «Dörfs es bizeli meh si?», haben viele Filialen abgeschafft. Stattdessen gibt’s abgepackte Portionen im Kühlregal.

Beim Bezahlen ist heute kein Personal mehr nötig. In vielen Läden sieht das Verhältnis so aus: Auf eine Kassiererin kommen zehn Self-Scan-Kassen. Entweder übt man sich in Geduld und steht an, oder man verrichtet die Arbeit selber. Das soll keine Kulturkritik des Einkaufens sein. Früher war nicht alles besser. Dass heute alles schneller geht und Läden länger offen haben, ist ein grosser Vorteil. Doch wenn die Kunden schon selber arbeiten müssen, dann sollen die Detailhändler für möglichst gute Arbeitsbedingungen sorgen.

Das Handy ersetzt den Handscanner

In vielen Migros-Filialen sind am Eingang Handscanner deponiert. Man kann die Produkte gleich scannen, wenn man sie aus dem Regal nimmt, und muss bei der Kasse nicht jedes ein zweites Mal in die Hand nehmen. Das reduziert den Aufwand beim Einkaufen: Der Handscanner ist aber nur eine Übergangslösung. Sowohl Coop als auch die Migros experimentieren mit Apps. Die Kunden sollen die Produkte künftig ganz einfach mit dem Smartphone scannen und dann auch gleich damit bezahlen.

Keine Augenweide, aber 24 Stunden offen: Die neuen Länden von Valora.

Keine Augenweide, aber 24 Stunden offen: Die neuen Länden von Valora.

Severin Bigler / ©

Doch warum nur zu vorgegebenen Zeiten einkaufen, wenn man dafür gar kein weiteres Personal als den Kunden braucht? Das hat sich der Kioskkonzern Valora gefragt und 24-Stunden-Läden ohne Personal ins Leben gerufen. Diese autonomen Shops sollen in Zukunft mindestens so wichtig sein wie das herkömmliche Geschäft, verkündete der Valora-Chef letzte Woche in dieser Zeitung.

Bisschen schicker, dafür mit Totalüberwachung: Amazon Go.

Bisschen schicker, dafür mit Totalüberwachung: Amazon Go.

Wikipedia

In den USA betreibt Amazon solche unbedienten Shops. Zutritt gibt’s nur per Gesichtserkennung. Im Innern ist eine Vielzahl von intelligenten Kameras installiert, die registrieren, welche Produkte der Kunde in den Einkaufskorb legt, Scannen wird ganz überflüssig. Klauen geht nicht mehr. Der Kunde wird überwacht. Amazon weiss genau, was wer wann und wie oft kauft.

Schön, funktioniert das Hofladenkonzept in der Schweiz auch in der Stadt

Die Schweizer Detailhändler verzichten zum Glück auf die Totalüberwachung. Wenn die Kunden schon zu Mitarbeitern gemacht werden, dann ist es nicht mehr als anständig, dass man ihnen vertraut und nicht in jedem von ihnen einen potenziellen Dieb sieht. Dieses Konzept hätte in den wenigsten Ländern eine Chance. Bereits in Deutschland werden Self-Scanning-Kassen nur zögerlich und mit einer zusätzlichen Sicherheitsschranke eingesetzt.

Es ist eine schöne Eigenheit der Schweiz: Was es für einem Hofladen tut – ein offener Kühlschrank und ein Kässeli –, das funktioniert auch in den Shops der Städte. Dass das trotz aller neuer technischer Überwachungsmöglichkeiten auch in Zukunft so bleibt, liegt nicht nur an den Detailhändlern, sondern auch an den Kunden und ihrer Ehrlichkeit.

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