Analyse
Ein Blick auf kommende Welten nach dem Untergang

Eine Analyse zur Fasnachtswoche in Solothurn.

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«Rampesöi» am Höflisingen.

«Rampesöi» am Höflisingen.

Hansjörg Sahli

Fasnächtler sind Halbgötter in Bunt. Sie spinnen. Wochen-, ja monatelang schaffen sie sich ihre eigene Welt. Kostüme, Verse, Wagen oder auch Beizen. Um nach einem einwöchigen Happening die ganze geschaffene Welt wieder zusammenzureissen, zu vernichten, ja sogar niederzubrennen. Spätestens heute, wenn die Wagenbauzünfte ihre Gefährte entsorgen, ist die Narrenwelt untergegangen. Und muss ab dem Spätherbst wieder neu erschaffen, ja erfunden werden.

Honolulu, jetzt wieder Solothurn, unterzieht sich diesem Stress-Prozess jeweils mit Akribie und Hingabe. Die rund tausendköpfige Aktivitas hatte wieder ganze Arbeit geleistet, zwei farbenfrohe Umzüge der Extraklasse wurden vor allem am Sonntag mit einem Rekordaufmarsch belohnt. Dieses Prädikat gilt auch für die grossen zwei Nachwuchs-Anlässe: Die Kinder-Chesslete wollte nicht mehr enden, und auch der Narrenochwuchsumzug am Schmutzigen Donnerstag war trotz Sportferien sehr gut besetzt. Zusammen mit den Bemühungen fast aller Zünfte und Guggen, die Kinder in die grossen Umzüge zu integrieren, ergibt dies sehr gute Noten für die Nachwuchsförderung der Solothurner Fasnacht. Die nur so ihre Zukunft in einem Umfeld sichern kann, das angesichts zunehmender beruflicher Belastungen keineswegs fasnachtsfreundlicher wird.

Wenn es in einer Sparte Anlass für Zukunftssorgen gibt, dann am ehesten bei den Schnitzelbanken. Zehn waren am Start, durchwegs mit Auftritten von guter bis sehr guter Qualität. Doch neue Gruppen sind seit Jahren nicht mehr dazugekommen. Vielleicht auch, weil das Niveau teilweise abschreckend hoch ist? Immerhin zeigt die junge Girlie-Truppe der «Rampesöi», dass kecke, unkonventionelle Präsentationen das Publikum begeistern können. Sofern es welches hat. Denn auch der Fanblock der Schnitzelbank-Konsumenten schmilzt kontinuierlich. Längst vorbei sind jene Zeiten, als «Bäse» und Co. am Donnerstagabend noch im platschvollen Zunfthaus zu Wirthen auftreten konnten.

Die Erkenntnisse sind nicht neu, doch sie akzentuieren sich: der Schmutzige Donnerstag serbelt, und der Freitagabend dümpelt trotz den Anstrengungen gewisser Stadt-Guggen vor sich hin. Erst am Samstag bricht mit einer Gassenfasnacht vom Feinsten und Tausenden Kostümierten die fünfte Jahreszeit richtig aus. Trotz einer formidablen Chesslete und dem erwähnt gut besuchten Kinderumzug fängt die Solothurner Fasnacht gefühlt also zweimal an. Für die Basis, das Fussvolk nämlich, erst am Samstag. Das lässt sich nicht ändern, ausser man rüttelt am Schmutzigen Donnerstag. Die Chesslete ist wohl unumstösslich, doch Schnibamu und Höflisingen könnte man durchaus auf den Freitagabend legen. Denn sehr viele leere Beizen am Schmutzigen Donnerstag deuten auf eine eigentliche närrische Konsumverweigerung am Eröffnungsabend hin, dem halt noch ein Arbeitstag folgt.
Die Fasnacht richtig anfangen ist das eine. Sie richtig beenden das andere. Seit einigen Jahren wird sie – ebenfalls gefühlt – gleich zweimal abgeschlossen: Mit dem Gugge-Anlass 12i-Chlapf am Dienstag um Mitternacht. Dann nochmals und traditionell mit dem Böögg-Verbrönnet 20 Stunden später. Zugegeben, mit der Beleuchtungsshow an der St.-Ursen-Fassade, inszeniert durch den neuen Ober-Ober, ist der 12i-Chlapf nochmals spektakulärer und für die Masse der Fasnächtler zum attraktiven Höhepunkt des Dienstags geworden. Aber für viele auch der Schlusspunkt. Und das ist schade um die einst legendäre «Nacht der langen Messer», einer pulsierenden «Uslumpete», bis die Wischmaschinen des Werkhofs dem Konfettibrei in den Gassen den Garaus machen. Die Nacht bleibt zwar noch, doch nicht mehr alle bleiben – der 12i-Chlapf sorgt mehr denn je für einen klaren Bruch im fasnächtlichen Zeitgefühl.

Alkohol und Fasnacht sind einander freundschaftlich verbunden, wobei neue Trinksitten seit einigen Jahren Einzug gehalten haben. Shots – durchschnittlich für einen Fünfliber zu haben – animieren zum Kippen in der Runde. In der Hauptgasse lockte gar ein Stand in der Form einer «Shot-Maschine», die jederzeit anzeigte, wie viele Schnäpschen am Abend bereits durch die Kehle geronnen waren. Angesichts dieser kollektiven Alkoholvernichtung grenzt es an ein Wunder, wie wenig passiert ist. Wobei gestandene Fasnächtler meist keine Problemverursacher sind. Trotzdem, so erfreulich ruhig verlaufen andere grosse Stadt-Events wie das Märetfescht oder die HESO jeweils kaum.

Bewährt hat sich auf jeden Fall das gezielte Platzieren von WC-Anlagen durch die Stadt. Zwar sehr zentral, aber nicht so glücklich war der Standort mitten auf dem Märetplatz. Im Umzugsgedränge war der Zutritt fast nicht möglich und im Herzen der Stadt gehört eine Aussenbeiz und keine Latrine hin.

Womit wir bei einem der Hauptthemen der Solothurner Fasnacht wären: Ihr gehen die Beizen aus. Sicher, es gibt genug Lokale, die einige Luftschlangen aufhängen oder grosse Konfetti ankleben und nach Mitternacht schliessen. Aber das reicht nicht. In der wahren Fasnachtsbeiz stimmen die Dekoration, das Angebot, die Öffnungszeiten und vor allem das Personal hinter dem Tresen. Kein Wunder, inszenieren die Fasnächtlerinnen und Fasnächtler ihr «Deheime» zusehends selber. Doch mit einem Glücksfall wie der seit bald drei Jahren leerstehenden «Krone» ist wohl nächstes Jahr nicht mehr zu rechnen. Und dann wirds bitter. Ausser, die Fasnachtsbeizen-Welt wird neu erschaffen: Zentral gelegen, jedes Jahr am gleichen Ort aufgebaut, originell dekoriert und gut geführt. Von Fasnachtsbegeisterten für die Fasnacht. Denn was nützen die schönsten Umzüge, wenn gegen Mitternacht alles ruhig ist? «Stille Nacht» ist definitiv nicht Fasnacht.

@ wolfgang.wagmann@azmedien.ch

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