Persönlich
Wir sind wirklich so

Wir gaffen, wir verurteilen, wir wollen die Besten sein. Und immer brav das Smartphone vor der Nase.

Olivia Meier
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Ist immer dabei: Das Smartphone.

Ist immer dabei: Das Smartphone.

Eigentlich will ich mich einfach berieseln lassen, dasitzen und nichts tun. Doch der Fernsehabend verläuft nicht entspannend: Jeder läuft mit einem eingespielten Lächeln durch die Welt. Auf den Smartphones bewerten sich die Leute gegenseitig. Den ganzen Tag strampeln sie auf ihren Fahrrädern, um Strom zu produzieren. Ein Premierminister wird gezwungen, vor laufender Kamera eine Gräueltat zu vollbringen, die ganze Menschheit starrt gebannt auf den Fernsehbildschirm. Keine Folge der US-Serie «Black Mirror» hat etwas mit der anderen zu tun – sie alle zeigen auf, wie unsere Zukunft aussehen könnte. Nur die Zukunft? Wir sind wirklich so. Wir gaffen, wir verurteilen, wir müssen immer die Besten sein. Nach zwei Episoden schalte ich aus.

Am nächsten Morgen sitze ich im Tram, alle an ihren Smartphones. Auf Instagram liken und kommentieren sie die Bilder anderer, bewerten deren Aussehen und ihren «Lifestyle». Auf der Autobahn ist Stau – ein Unfall mit zwei Toten, an dem die Leute vorbeifahren, hinschauen und wenn möglich noch ein Foto machen. Im Büro diskutiere ich mit Kollegen über meinen Eindruck. Einer sagt: «Ich denke, wenn die Leute jetzt schon erkennen, wie gestört unsere Welt ist, ist das der beste Schritt zur Besserung.» Verstehe ich. Bin aber nicht einverstanden.

Kann man dieses ganze Ding überhaupt noch steuern? Mit dieser Frage gehe ich nach Hause, eine Antwort finde ich nicht. Natürlich nicht. Also schalte ich mein Handy aus und lese ein Buch. Mit echten Seiten. Echten Buchstaben. Und halbechten Figuren, die menschliche Dinge tun.

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