Kommentar
Wahlen in Riehen: Ein schwieriges, aber wichtiges Pflaster

Tobias Gfeller
Tobias Gfeller
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Toengi Martin/ Fotograf

Riehen geht es im Allgemeinen blendend. Die Menschen leben heute noch lieber in Riehen, als sie dies schon vor vier Jahren taten. Dies zeigte die Bevölkerungsbefragung vom vergangenen Sommer. Die Steuermillionen fliessen, ohne dass die Gemeinde gross etwas dafür tun muss. Während Baselbieter Gemeinden in der Agglomeration mit attraktiven Quartierplänen krampfhaft versuchen, neue Einwohner und Unternehmen anzulocken, muss in Riehen die Gemeinde nur dafür sorgen, dass die hohe Lebensqualität bestehen bleibt.

Dafür werden auch schon mal Millionen ausgegeben, um das Moostal auszuzonen, um es für die kommenden Generationen grün zu erhalten. Jede Baselbieter Gemeindepräsidentin und jeder Gemeindepräsident würde eine solche Situation mit Handkuss nehmen. Sind deshalb das Gemeindepräsidium und das Gemeinderatsamt in Riehen Schoggijobs? Mitnichten! Das grosse grüne Dorf ist ein zartes Pflänzchen. Wer meint, er könne walten, gestalten und das Dorf weiterentwickeln, wie sie oder er dies möchte, scheitert kläglich.

Auch Riehen braucht Visionen, um den Standard zu halten

Jede Erneuerung wird beobachtet, kritisch hinterfragt und an der Urne oft auch verworfen. Riehen solle ja so bleiben, wie es ist, hört man meistens, wenn man nach den Zukunftswünschen im grossen grünen Dorf fragt. Geradezu mutig scheinen dabei die Zukunftsvisionen von Gemeinderätin Christine Kaufmann (EVP), die Gemeindepräsident Hansjörg Wilde (parteilos) nach nur vier Jahren wieder vom Thron stossen möchte. Doch sie hat recht! Riehen braucht Visionen, damit das Dorf auch in zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren seine aussergewöhnliche Stellung in der Region Nordwestschweiz behalten kann.

SP-Kandidat Martin Leschhorn will im Kleinen Riehen verändern. Er will den Menschen mehr Gehör verschaffen und ihre Anliegen noch stärker aufnehmen. Und auch er ist damit auf dem richtigen Weg: In Riehen geht es längst nicht allen so gut, wie es gemeinhin scheint.

Die Mitte-links-Allianz aus EVP, SP und Grüne wollen die Machtverhältnisse in Riehen kippen. Im Gemeinderat sehen sie Präsident Hansjörg Wilde als das schwächste Glied. Über ihn wollen sie die Mehrheit in der Exekutive erlangen. Dass sie dabei seine fehlende Parteizugehörigkeit – er selber nennt es lieber Unabhängigkeit – als seine grösste Schwäche ausmachen, ist für Wilde tatsächlich ein Kompliment, wie er auch selber in einem Interview mit der bz sagte.

Kein verkappter SVPler

Der Vorwurf, die fehlende Parteizugehörigkeit bremse Riehen, unterstreicht, dass der vor vier Jahren als politischer Quereinsteiger angetretene Wilde sehr vieles richtig gemacht hat. Der verkappte SVPler, als den ihn bei der Wahl vor vier Jahren viele sahen, ist er nicht. Zu oft
gerieten sich die stärkste Fraktion im Einwohnerrat und der Präsident in die Haare. Dass Wilde mit Christine Kaufmann und Martin Leschhorn gleich von zwei Kandidierenden mit viel politischem Potenzial herausgefordert wird, ist für Riehen ein Glücksfall.

Gegner der Veränderung

Und die SVP selber? Braucht Riehen die SVP im Gemeinderat? Nein. Aber sie würde dem Gremium gewiss nicht schaden. Denn mit Detektiv Felix Wehrli wurde ein Kandidat portiert, der zwar klare SVP-Grundsätze vertritt, aber moderat auftritt. Als Fraktion tat dies die SVP im Einwohnerrat nur selten. Es scheint, dass ihr Veränderungen nur gerade dann in den Kram passen, wenn sie die Steuerrechnung betreffen.

Eine zu starke bürgerliche Dominanz wäre für Riehen gefährlich. Denn Riehen geht es deshalb so gut, weil dank den sprudelnden Steuereinnahmen ein hoher Lebensstandard garantiert und mit Genossenschaften Wohnraum für finanziell Schwächere zur Verfügung gestellt werden kann. Ein allzu harter Sparkurs, der teilweise gefordert wird, würde der Lebensqualität von Riehen schaden.

Ansprüche der Bürgerlichen

Doch die Bürgerlichen sehen ihren Anspruch auf fünf Sitze Gemeinderat. Sie sprechen der EVP mit sechs Einwohnerratssitzen ihr Anrecht auf zwei Sitze im Gemeinderat ab. «Doch wieso braucht dann die CVP mit drei Einwohnerräten überhaupt einen Sitz?», könnte man rechnerisch als Gegenfrage stellen.

Riehen ist als traditionell bürgerliches Pflaster ein wichtiges Gegengewicht zum rot-grünen Basel. Die Steuermillionen aus der Landgemeinde nimmt man im Basler Rathaus gerne. Dass hin und wieder Abstimmungsergebnisse von den beiden Landgemeinden gekippt werden, muss man in Basel dafür in Kauf nehmen.

Riehen wird in Basel zu Unrecht belächelt

Riehen und auch Bettingen werden in Basel aber immer mal wieder belächelt. Für die Sorgen der hiesigen Bevölkerung, wie etwa den Ausweichverkehr in den Quartieren oder Velofahrer im Wenkenpark haben manche in Basel nur ein müdes Lächeln übrig. Doch genau deshalb sind Riehen und Bettingen für den Kanton Basel-Stadt so wichtig. Sie leisten in vielerlei Hinsicht einen wertvollen Beitrag zum Leben im Kanton: Sie sorgen für hohe Steuereinnahmen, bieten attraktiven Wohnraum im Grünen und ein Naherholungsgebiet, das dem sonst dicht besiedelten Kanton Basel-Stadt sehr gut ansteht.

Ganz Basel-Stadt sollte am 4. Februar nach Riehen blicken. Denn wer die Geschicke in Riehen bestimmt, wirkt sich bis ins Basler Rathaus aus.

redaktion@bzbasel.ch