Der Geistschreiber
Telefonsozis, Türfreisinnige

Der Geistschreiber über den Wahlkampf. Willi Näf ist Autor, Ghostwriter und Satiriker. Der Heimwehappenzeller und Wahlbaselbieter leibt, lebt und schreibt in Bubendorf.

Willi Näf
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Mit modernster Software von Tür zu Tür: Die Baselbieter FDP betreibt im Vorfeld der Baselbieter Wahlen vom 31. März 2019 grossen Aufwand.

Mit modernster Software von Tür zu Tür: Die Baselbieter FDP betreibt im Vorfeld der Baselbieter Wahlen vom 31. März 2019 grossen Aufwand.

Nicole Nars-Zimmer

Fürst Hans Adam II. von Liechtenstein. Mit dem habe ich mal lange geplaudert. In seinem Schloss, als er noch zwanzig Jahre jünger war. In jenem Interview bemerkte Durchlaucht, als Fürst sei er in der glücklichen Lage, nicht alle vier Jahre um des Volkes Gunst buhlen zu müssen. Da hat unsere FDP es weniger fürstlich. Die will nämlich im Wahljahr 2019 von Tür zu Tür, um ihr Wahlvolch zu mobilisieren. Ernsthaft. Das hat man nun von der Demokratie. Fürsten müssen nicht von Tür zu Tür.

Einfuchsen lässt sich die FDP nicht von Zeugen Jehovas, sondern von Profis aus den USA. Eine von ihnen hat schon für Hillary Clinton Klinken geputzt, die zwar mehr Stimmen bekam als der orange Erpel im Weissen Haus, aber halt die falschen. Die Freisinnigen wollen aber die richtigen. Nun haben sie auf ihren Handys eine mit Daten gefütterte App, die weiss, in welchen Quartieren Eliten logieren, wo Rebellen hausen und wo die Mittelklasse staatstragende Steuerzahlerchen grosszieht. Die App färbt auf dem Display einfach die Strassen: Grün verheisst der FDP Stimmen, orange Überzeugungsarbeit, rot Ärger.

Meine Strasse ist wohl orange. Hier gibt’s Katzentürchen und Kletterrosen, Hybride fürs Gewissen und Harleys für den Genuss. Hat der Wahlkämpfer die grünen Strassen abgeklappert und noch Zeit, wird er bei uns wildern, klingeln und mich aus meiner brotlosen Schriftstellerei reissen. Und das so spontan, dass ich mich an der Türe dann wieder nicht erinnern kann, welchen Freisinnigen ich in der letzten Legislatur nach welchen Auftritten in der Arena den Kopf waschen wollte.

Womöglich habe ich Glück und das Telefon klingelt. Ich lasse den Wahlkämpfer stehen, gehe ins Haus und nehme ab. Ein Sozialdemokrat ist dran. Die Sozis setzen 2019 ja auf eine Telefonkampagne, als letzte Festnetz-Heroen nebst den Callcenters. So spontan am Telefon erinnere mich auch nicht, welchen Jusos ich nach Auftritten in der Arena die Kutteln putzen wollte. Vermutlich allen. Dann drücke ich das Sozitelefon dem Türfreisinnigen in die Hand. Sollen sie untereinander abmachen, wen ich wählen soll, während ich mich wieder der brotlosen Schreiberei widme.

Gut, es gibt noch andere Parteien. Aber die haben auch eine Arena voller Unfähiger, Untätiger und Unflätiger. Wenigstens benahmen sich meine Baselbieter Pappenheimer anständig, halbwegs. Wenn ich keinen wähle, über den ich mich schon ärgern musste, wähle ich nicht mal mich selber. Dabei würde ich ja gern kandidieren. Als Fürst. Das würde mir liegen. Ich frage in meiner orangen Strasse mal nach, wer für mich telefoniert und Klinken putzt. Ohne gehts wohl nicht mehr heutzutage.

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