Gastkommentar
Schulreformen als Mittel zum Zweck

Felix Hoffmann, Sekundarlehrer in Baselland
Felix Hoffmann, Sekundarlehrer in Baselland
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Sandra Ardizzone

Schule war schon immer Abbild der jeweiligen Gesellschaft. Humboldt verlieh ihr eine humanistische Prägung, im Totalitarismus des letzten Jahrhunderts war sie autoritär, die 68er machten sie antiautoritär, mit dem Eintritt der Frau in den Arbeitsmarkt wurde sie femininer und durch den aktuellen Neoliberalismus wandelt sie sich zum Marktplatz für privatwirtschaftliche Geschäftsmodelle.

Den Startschuss dafür gibt die Weltbank. Sie fordert eine Erziehung nach ökonomischer Vorgabe mittels im Sinne von Industrienormen vereinheitlichter Prüfungsstandards und der regelmässigen Messung der Prüfungsresultate zur Sicherung der Standards. Der PISA-Test als hierfür wichtigstes Werkzeug ist folglich kein Produkt demokratisch legitimierter Erziehungsdirektionen, sondern eines der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Im Sinne betriebswirtschaftlicher Kennzahlen, wie Umsatz und Gewinn, muss auch das in der Schule zu Messende zählbar sein. In der Folge werden Wissen und humanistische Werte wie etwa eigenständiges Denken oder Solidarität durch zählbare Kompetenzen ersetzt.

Aufgrund des von der Schuladministration umgesetzten Paradigmenwechsels entsteht die Testindustrie, die regelmässig Prüfverfahren absetzt; entwickelt die Bildungswissenschaft neue Lehrmethoden; veräussert die Verlagsindustrie darauf basierend alljährlich neue, ökologisch bedenkliche, aber Umsatz steigernde Einweglehrmittel; verkauft die Weiterbildungsindustrie ihre überlangen Fortbildungskurse.

Die öffentliche Schule als Abnehmerin der privatwirtschaftlichen Produkte bildet dabei die Grundlage eines äusserst lukrativen Handels. Dieser wird über wiederkehrende Sparübungen und Steuergelder finanziert, die dann den Lernenden aber auch anderswo fehlen.
Der Wandel der Schule geschieht grösstenteils von der Öffentlichkeit unbemerkt.

Die Politik hat wenig Interesse, über die Zusammenhänge und Folgen des Paradigmenwechsels aufzuklären. Sie zieht es vor, die Notwendigkeit von Reformen zu betonen, um sich über solche zu profilieren zwecks Sicherung der Wiederwahl. Wie haarsträubend Reformen sein können, wird insbesondere von der linken Führungsspitze beharrlich negiert.

Das Fremdsprachenkonzept PassePartout beispielsweise täuscht vor, den als Sprachbad bezeichneten Aufenthalt in einem Fremdsprachengebiet auf wöchentlich zwei Lektionen übertragen zu können. Die Beschäftigung mit Grammatik und systematischer Wortschatzaufbau sind dabei verpönt.

Ausgerechnet die Linke, die sich ansonsten konsequent und glaubwürdig für die Schwachen unserer Gesellschaft einsetzt, lässt die Schülerschaft gegenüber den Kapitalinteressen der Reformindustrie im Regen stehen. Schlimmer noch, sie bekämpft Reform kritische Organisationen, und dies ohne substanzielle Argumente.

Es ist zu hoffen, dass sie ihre traditionellen Werte im Schulbereich wiederentdeckt und den Lehrer- und Lehrerinnenverein Baselland bzw. die Starke Schule beider Basel zugunsten unseres Nachwuchses künftig unterstützt. Mit vereinten Kräften liessen sich die privatwirtschaftlichen Vampire zugunsten der öffentlichen Schule wieder bändigen. Das Stimmvolk würde es der Linken bestimmt danken.

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