Der Geistschreiber
Riesentabletten für Paradieskrankheiten

Der Geistschreiber schreibt einem Strassenmädchen im Altpapier. Willi Näf ist Autor, Ghostwriter und Satiriker. Der Heimwehappenzeller und Wahlbaselbieter leibt, lebt und schreibt in Bubendorf.

Willi Näf
Willi Näf
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«Not täten nicht neue Riesentabletten für lukrative Paradieskrankheiten, sondern günstige Tabletten für häufige Krankheiten bei armen Menschen.»

«Not täten nicht neue Riesentabletten für lukrative Paradieskrankheiten, sondern günstige Tabletten für häufige Krankheiten bei armen Menschen.»

Keystone

Liebe Aminata, Du liegst auf dem Altpapier und schaust mich an, eine 13-Jährige ohne Eltern und Obdach, die in den Slums von Sierra Leone bettelt, stiehlt und sich ungeschützt prostituiert für zwei vierzig. Es kommen viele Spendensammelbriefe im Moment. Wie immer vor Weihnachten und nach Katastrophen. Dabei habe ich doch schon diverse Daueraufträge für Paten- und Mitgliedschaften. Langfristig ausgerichtet auf NGO ausserhalb der Schlagzeilen, die mit wenig Aufmerksamkeit auskommen müssen.

Fast hätte ich Dich auf dem Altpapier mit einer Zeitung zugedeckt, Aminata. Mit einem Artikel über die Novartis. Die Novartis ist eine riesengrosse Tablettenfabrik. «Neue Gen-Therapie kostet 350'000 Franken pro Patient», lautet der Titel. Eine Art Riesentablette für einen Riesenpreis. Es gibt auch bei uns im Paradies Krankheiten, weisch. Diese spezielle Kinderleukämie, die pro Jahr kaum ein Dutzend Mal vorkommt – die neue Riesentablette könne «bis zu» vier von fünf Fällen heilen. Hofft die Tablettenfabrik. Die 350'000 Franken bezahlen wir mit unseren Krankenkassenprämien. Neben solchen Rechnungen im Briefkasten ziehen die Spendensammelbriefe halt oft den kürzeren.

Die Tablettenfabrik muss natürlich Geld verdienen, Aminata. Damit sie neue Riesentabletten für Paradieskrankheiten erfinden kann. Wer nur Tabletten erfindet für Krankheiten von Leuten, die sich keine Tabletten leisten können, gerät ins Trudeln, und auch davon berichtet ein Altpapier: Der Nettogewinn der Tablettenfabrik ist im dritten Quartal 2018 um 22 Prozent abgerutscht. Auf 17,7 Millionen Franken Gewinn pro Tag. Netto.

Die Tablettenfabrik baut jetzt 2150 Stellen ab. Spare in der Zeit, dann hast du in der Not, gell Aminata. So spart die Tablettenfabrik ab 2020 jährlich eine Milliarde, also tausend Millionen Franken. Aber nicht damit die Tabletten günstiger werden, sondern damit die Gewinne der Eigentümer steigen, oder, wie es der Chef formuliert: «Einige unserer Konkurrenten haben eine deutlich höhere operative Gewinnmarge als wir. Darum braucht es jetzt Anpassungen.» Ja, die anderen Tablettenfabriken verdienen mehr. 31 Franken Gewinn auf 100 Franken Umsatz ist zu wenig für die gebeutelten Aktionäre, denen unsere ganze Solidarität gehört, gell Aminata, weil sie bestimmt kaum mehr wissen, wie sie die jährlich steigenden Krankenkassenprämien begleichen sollen.

Viele Aktien gehören aber Banken, Versicherungen oder Pensionskassen, die ihr Geld anlegen müssen. So wie meine Bank. Vermutlich steckt auch in meiner Altersvorsorge ein Stückchen dieser Tablettenfabrik. Auch ich bin wohl eins von Millionen Rädchen, die diese Maschinerie am Laufen halten. Und viele dieser Millionen Rädchen wären wohl wie ich oft lieber Sandkörner, die die Maschinerie zum Stillstand bringen und die obszöne Gier nach obszönen Gewinnmargen abwürgen.

Not täten nicht neue Riesentabletten für lukrative Paradieskrankheiten, gell Aminata, sondern günstige Tabletten für häufige Krankheiten bei armen Menschen. Aber womöglich liegt diese moralingetränkte Kolumne morgen bei Dir im Altpapier, Aminata, und kein Hahn kräht mehr danach. Tami!

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