Der Landbasler
Politik und Lebensfreude im Gebiet St. Jakob

Der Landbasler liebt ein besonderes Gesamtkunstwerk. Zum Autor: Thomas Schweizer ist ein ehemaliger Lehrer am Basler Gymnasium Bäumlihof und heute als Buchautor und Literat tätig. Er lebt in Füllinsdorf.

Thomas Schweizer
Thomas Schweizer
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Wenn der FCB im Stadion spielt, wird auch jeder Baselbieter zum Basler: «Wär nit gumpt, dä isch kei Basler.»

Wenn der FCB im Stadion spielt, wird auch jeder Baselbieter zum Basler: «Wär nit gumpt, dä isch kei Basler.»

Erich Meyer

Politik und Lebensfreude: Die zwei Begriffe schliessen sich wohl aus, obwohl ich mir im täglichen Politbetrieb weniger Verbissenheit, dafür etwas mehr Freude durchaus vorstellen kann. Politische Kreise werden mir widersprechen, denn ihre Arbeit für die Bevölkerung mache doch auch Freude, sollte sie wenigstens. Akzeptiert. Aber leider herrscht gegenwärtig im Verhältnis zwischen den beiden Basel eher Sauertöpfigkeit, wo doch Blumentöpfe blühen sollten. Immerhin lassen sich Politik und Freude drunten im St. Jakob gut verbinden.

Zum Beispiel hatten meine Frau und ich wieder einmal beim Thé dansant das Tanzbein geschwungen, mitten unter den fallenden Blättern im herbstlich leuchtenden Park im Grünen. Sie wissen schon: Es ist ein vergnüglicher Anlass für ältere und alte Leutchen, oder für vermeintlich jung gebliebene Alte, also perfekt abgestimmt für einen wie mich. Natürlich wollen wir nicht zu den «feuilles mortes» gehören, sondern das Bisschen Leben, das uns noch bleibt, voll auskosten. Manchmal auch im schönen Fleckchen Erde, im St. Jakob unten. Ich möchte es, was Natur und Menschenhand geschaffen hatten, als Gesamtkunstwerk bezeichnen. Irgendwo geht die Kantonsgrenze durch, schynt`s, wen kümmert das? Niemand weiss, wo sie genau verläuft. Leute aus der ganzen Region und allen Generationen besuchen die Anlagen täglich und geniessen ein paar Stunden bei diversen Aktivitäten. Nicht im Zentrum, aber unüberseh- und -hörbar, dreht sich ein nostalgisch anmutendes Karussell.

«Ressli»- oder «Rösslirytti»? Auch egal. Auf jeden Fall hat man von diesem Ort einen schönen Blick über das ganze Gelände. Sporadisch sichtbar zwischen den Bäumen ist ein anderer Verlauf, der Dalbedyych. Er schlängelt sich träge von der Neuen Welt her kommend bis zum Rhein durch. Im St. Alban-Tal waren früher Mühlen in Betrieb, die wertvolle Dienste für die Wirtschaft und damit zum Wohl der ganzen Region geleistet hatten.

Ganz vorne im St. Jakob befinden sich die vielen Sportstätten. Wenn der FCB im Stadion spielt, wird auch jeder Baselbieter zum Basler: «Wär nit gumpt, dä isch kei Basler.» Aber klar doch, auch die Landschäftler in der Muttenzer- (also nicht in der Riehenerkurve) «gumpen» fröhlich mit. Es folgt die sich im Umbau befindliche «Federer-Festhalle», die Eisarena, die Trainingsplätze und das schöne Sportbad. Dazu der Brüglinger Hof, der Botanische Garten und die Werkstätten der Basler Stadtgärtnerei. Wie im Märchen taucht dann das Café Merian auf, wo schon Queen Elizabeth diniert hatte. Es ist halt ein königlicher Ort. Auf engen Pfaden, entlang Gebüschen und altem Baumbestand gelangen wir allmählich in die Nähe des Parks mit seinem kleinen See, seinen Brücken, Uferwegen und lauschigen Ecken.

So ist vor den Toren Basels ein kleines Paradies entstanden, aber ein gestaltetes, kein frei und selbstständig wucherndes naturnahes Eldorado. Hier ist der Kontrast zwischen Stadt und Land aufgehoben, denn es ist eine ganzheitlich geschaffene Einheit von diversen Landschaften. Hier kannst du flanieren oder einer sportlichen Tätigkeit nachgehen; die Natur bewundern und kulturelle Anlässe, Konzerte und Theater, besuchen. Viele Sportarten werden im Gebiet St. Jakob ausgeübt, nur zwei nicht: das Seilziehen und die Kraftmeierei. Mir scheint manchmal, in diesen Disziplinen seien die beiden Basel besonders stark. Stichworte: gemeinsame Spitalgruppe, Universität, Kultur, ÖV. Die Bevölkerung nimmt mit Verwunderung dieses Ziehen in verschiedene Richtungen wahr. Natürlich regeln und gestalten die politischen Parteien und ihre Vertreter in Regierung und Parlamenten unser Zusammenleben (möglichst freiheitlich nach meinem Geschmack). Aber es gibt Wichtigeres als die Gesetze. Es gibt das Wunder der Schöpfung. Also zurück zu den Blumentöpfen, zu den Bäumen, zur Natur.

Jetzt, im November braucht es nur die Kälte einer Nacht, damit auch die zähesten Blätter sanft zur Erde fallen. Und seltsam: Der Geruch des Laubs und das Rascheln der Blätter können mich auch heute noch betören. Es muss eine Variante des «Stirb und werde» sein. Jetzt nimmst du auch die Zerbrechlichkeit des Daseins und das brüchige Glück im Alter besonders deutlich wahr. Drum tanz und freue dich des Lebens, sei es an heiteren oder nebelschweren Tagen, «weil noch das Lämpchen glüht». Vielleicht ist das die versteckte Botschaft des Gesamtkunstwerks St. Jakob, ein Gleichnis für das rauschende Fest des Lebens, für das Vergehen und Neuerwachen. Komm, tanz und vergiss die Mühsal, wenigstens für eine kurze Weile.