Unsere kleine Stadt
Mehr Mobilität dank weniger Verkehr

Der Autor Daniel Wiener liess sich bei der früheren «National-Zeitung» zum Journalisten ausbilden. Er ist Kulturmanager, Unternehmer und Berater. In seinem Kommentar schreibt er über Statistiken, die nur die halbe Wahrheit erzählen.

Daniel Wiener
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Velos am Rhein in Basel

Velos am Rhein in Basel

Keystone

Vor Jahren lebte ich auf dem Land, arbeitete aber in der Stadt. Ich pendelte nicht mit dem Auto, sondern mit dem Tram. In 35 Minuten gelangte ich ins Zentrum von Basel und von dort in weniger als einer Viertelstunde an die meisten Zielorte. Mein Leben war hochmobil: Ich verbrachte täglich gegen zwei Stunden auf Stationen und im öffentlichen Verkehrsmittel. Dann zog ich nach Basel um. Schlagartig sank meine Mobilität: Statt Stunden auf Achse, verbringe ich seither täglich wenige Minuten im Velosattel.

Noch immer messen Statistiken die Mobilität an zurückgelegten Distanzen. Je mehr Kilometer abgespult werden, um so mobiler erscheinen wir. Dies unabhängig von Fragen nach Ursachen, Sinn und Zweck dieser Mobilität. Der amerikanische Essayist und Lyriker T.S. Elliot schrieb schon in den 30er Jahren: «Auch 1000 Polizisten, die den Verkehr regeln, werden uns die Frage, warum wir fahren und wohin wir fahren sollen, nicht beantworten.» Mit seiner scharfsinnigen Bemerkung warnt er uns davor, Mittel und Zweck der Mobilität zu verwechseln.

Nur wenige Fahrzeuge bewegen sich zum Vergnügen ihrer Insassen. Menschen sind unterwegs, weil sie Tätigkeiten wechseln wollen. Wenn ich morgens von meinem Dorf in die Stadt fuhr und abends zurück, pendelte ich zwischen den Tätigkeiten Wohnen und Arbeiten. Wäre die Arbeit im Dorf gewesen, hätte ich den Weg nicht zurückgelegt. Oft ist sogar der Verkehr selbst Auslöser einer Reise: Anwohner der Basler Osttangente fahren gerne am Wochenende ins Grüne, wo sie von Autogestank und Lastwagenlärm verschont sind. Wäre die Osttangente nicht da, würden sie zuhause die Stille geniessen.

Seit dem Umzug in die Stadt kann ich meine Tätigkeiten schneller wechseln. Dank kurzer Wege ist der Zweck der Mobilität rascher erfüllt. In gleicher Zeit kann ich deshalb mehr tun. Ich bin also mobiler geworden, obwohl ich fünfmal weniger unterwegs bin und dabei erst noch Geld spare. Die Mobilitätsstatistik, welche nur die Kilometer zählt, beeinflusse ich aber negativ.

Die Stadt erscheint geradezu als idealer Ort für effiziente Mobilität. Weniger Energie, weniger Zeit und weniger Raum werden hier beansprucht, um den Zweck der Mobilität zu erfüllen. Die Stadt erlaubt einen raschen Wechsel zwischen Zuhause, der Arbeit, Besuchen, Spaziergängen, Einkauf, Theater oder Schwimmbad. Je raumeffizienter dies geschieht, um so besser. Am wenigsten Platz für die einzelne Wegstrecke benötigen Fussgänger, gefolgt von Velos, öffentlichen Verkehrsmitteln und Autos. Deshalb ist es sinnvoll, die Verkehrsmittel in dieser Reihenfolge zu fördern. Nicht etwa, weil zu Fuss gehende oder Fahrrad fahrende bessere Menschen sind, ist eine solche Verkehrspolitik angezeigt. Vielmehr weil alle davon profitieren: Die Wege bleiben kurz, die Stadt wird sicherer und die Umweltqualität steigt. Gleichzeitig bleibt auf der Strasse mehr Raum für den Verkehr des Gewerbes, für Warentransporte oder Behinderte, die auf vierrädrige Vehikel angewiesen sind.

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