Der Landbasler
Knochenfund im Kaltbrunnental

Der Landbasler erzählt eine Sommergeschichte. Zum Autor: Thomas Schweizer ist ein ehemaliger Lehrer am Basler Gymnasium Bäumlihof und heute als Buchautor und Literat tätig. Er lebt in Füllinsdorf.

Thomas Schweizer
Thomas Schweizer
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Eine prähistorische Höhle im Kaltbrunnental

Eine prähistorische Höhle im Kaltbrunnental

Papa Knall versammelt seine Familie im Halbkreis um sich. Das verheisst nichts Gutes, denkt Mama Knall, eine Postfeministin. Doch die Buben warten gespannt, was sich das Familienoberhaupt wieder Verrücktes ausgedacht hat. Bei Knalls ist die Welt, trotz Gendergerechtigkeit, noch in Ordnung. Also verkündet Papa Knall bedeutungsschwer: «Bei dieser Hitze fahren wir am besten ins Kaltbrunnental und übernachten in einer Höhle.» «Oh, ja», rufen Fritz und Franz begeistert. «Oh, nein», ruft Mama Knall entgeistert, «die dreckigen Kleider, die ich wieder waschen muss. Iris von Roten hat auch keine Hausarbeit verrichtet.» «Logisch», sagt Papa Knall, «sie hatte mit den Männern genug zu tun.» Ein giftiger Blick seiner angesäuerten Gattin war die stumme Antwort.

Am Samstag gegen Mittag fährt die Familie mit der S 3 nach Grellingen, und vom Bahnhof marschiert sie strammen Schrittes weiter zum Wappenfelsen des Chessilochs. Dort hält Papa Knall eine vaterländische Rede. «Erzähl nur nicht wieder von deinen Heldentaten im Militär», murmelt Mama Knall gut hörbar. «Als wir mal im Muotatal im WK waren ...» «Er tut es wahrhaftig», raunzt Mama ihren Buben zu. «Fake News!», rufen Fritz und Franz doppelt nach: «Das hast du uns schon hundert Mal erzählt.»

Nach diesem heiteren Intermezzo dringen sie forsch ins Tal ein und finden bald die Höhle, die Papa Knall zum Übernachten vorgesehen hatte. Am Abend grillieren sie auf einem kleinen Feuer Poulets am Spiess, und wie es dunkel wird, befiehlt das Oberhaupt die Nachtruhe. Sie legen sich in die Schlafsäcke und hoffen auf eine ruhige Nacht. Am andern Morgen sind alle früh wieder wach, gerädert und gezeichnet vom unruhigen Schlaf. Nur fort von hier, denkt Mama Knall, doch ihr Göttergatte will jetzt das Tal hinauf wandern. «Bei jeder Infotafel halten wir an, damit wir alles aufmerksam lesen können.» Die Begeisterung hält sich in engen Grenzen. Einmal erklärt Papa Knall: «Seht nur die Knochen auf dieser Foto. In diesem Tal haben bereits die Neandertaler gehaust.» «Hatten die schon Schlafsäcke?», fragt Fritz hinterlistig. «Nein, aber Felle von Tieren, du Lappi.»

Gegen Abend sind sie wieder in der Höhle zurück, packen ihre Sachen zusammen und machen sich auf den Heimweg. «Schau mal, Papa», ruft Franz, « ich habe einen Knochen gefunden. Ist der von einem Neandertaler?» «Weiss nicht», sagt Papa, «frag den Kantonsarchäologen.» Er hat das als Witz verstanden, nicht aber die Buben. Am nächsten Tag fahren sie von Birsfelden mit einem Auto namens Bus nach Liestal, um Chef Tiff Graber zu treffen. Der Kantonsarchäologe schaut sich den Knochen mit dem geübten Auge des Wissenschaftlers an und lacht dann: « Wollt ihr mich hochnehmen, ihr Lauser? Das ist ein Pouletknochen aus der Jetzt-Zeit. Aber weil ihr euch so für Geschichte interessiert, schenke ich euch ein Jahr lang Gratiseintritt für die ganze Familie ins Römerhaus von Augusta Raurica. Jetzt, wo in den Schulen das Fach Geschichte seit dem Lehrplan 21B endgültig verschwunden ist.»