Gastkommentar
Ein ungarischer Skandal

Roger Blum ist gebürtiger Baselbieter und war Publizistikprofessor an der Uni Bern, seit April ist er Ombudsmann für die SRG Deutschschweiz. Sein Kommentar darüber, wie «Népszabadság» mundtot gemacht wurde.

Roger Blum
Roger Blum
Drucken
Die Sovjetische Invasion in Ungarn. Tausende flüchteten 1956 aus dem Land. (Archivbild)

Die Sovjetische Invasion in Ungarn. Tausende flüchteten 1956 aus dem Land. (Archivbild)

AZ

Am 29. November 1956, einem trüben Spätherbsttag, beobachtete ich als Fünftklässler am Liestaler Bahnhof die Ankunft der ungarischen Flüchtlinge. Damals, vor 60 Jahren, fieberte ganz Westeuropa mit den Freiheitskämpfern Ungarns und empörte sich darüber, wie brutal die sowjetischen Truppen den Volksaufstand niederschlugen. Die Schweiz nahm 13 000 Flüchtlinge auf. Sie waren willkommen. Unter den in Liestal Eintreffenden war wahrscheinlich auch der neunjährige Andreas Herczog, der später Liestaler Bürger und dann Zürcher Nationalrat zuerst der Poch, dann der Sozialdemokraten wurde.

Dank sowjetischer Panzer hielt sich die Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei unter János Kádár an der Macht. Ihr Zentralorgan war damals neu die Tageszeitung «Népszabadság» (Volksfreiheit). Diese Zeitung wandelte sich mit der Zeit zu einer Plattform des Reformkommunismus und danach in der postkommunistischen Ära zu einer linken, kritischen Stimme. In letzter Zeit hat sie verschiedene Korruptionsskandale aufgedeckt, in die Parteigänger von Ministerpräsident Viktor Orbán verwickelt waren. Bis 2014 war das Medienhaus Ringier Mehrheitsaktionär des Blattes; dann übernahm der österreichische Privatbankier Heinrich Pecina, von dem die Rede geht, dass er mit Orbán verbandelt ist. «Népszabadság» galt als ein Qualitätsblatt und war das auflagenstärkste Blatt des Landes. Es war so etwas wie die «NZZ» von Ungarn und ein publizistischer Leuchtturm.

Dieser Tage nun kam überraschend die Kunde, dass «Népszabadság» eingestellt worden sei. Man traute Augen und Ohren nicht: Der Verleger sperrte an einem Wochenende die Redaktion schlicht aus und schaltete sie vom Internet ab. Er kommentierte seine Massnahme zunächst nicht; später argumentierte er, die Zeitung sei ein Verlustgeschäft. Der spezielle Skandal aber ist: Erstmals wurde in einem Land der Europäischen Union einem wichtigen Printmedium die Luft abgedreht. Man stelle sich vor, dass in Italien zur Orbán-ähnlichen Regierungszeit Berlusconis versucht worden wäre, die «Repubblica» einzustellen, oder dass in Grossbritannien der «Guardian», in Deutschland die «Süddeutsche Zeitung», in Frankreich «Le Monde» verschwänden, nur weil sie kritisch sind.

Seit je braucht es kritischen Journalismus. Thomas Jefferson, der später amerikanischer Präsident wurde, hatte einmal gesagt, wenn er wählen müsste zwischen einer Regierung ohne Presse und einer Presse ohne Regierung, würde er ohne zu zögern das Zweite wählen. Will heissen: Die Mächtigen müssen kontrolliert werden. Und dafür braucht es Medien, die eine Kritik- und Kontrollfunktion ausüben und durch investigative Recherche aufdecken, was faul ist in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft – so wie «Guardian», «New York Times» oder «Süddeutsche Zeitung». Medien müssen stören. Wenn sie nicht mehr stören, sind sie in den Winterschlaf gefallen oder von den Mächtigen mundtot gemacht worden. Gerade Ungarns Regierungschef Viktor Orbán wünscht sich offensichtlich Medien, die nie mehr aus dem Winterschlaf aufwachen.

Aktuelle Nachrichten