Pro - Contra
Ein Regierungsamt aufgeteilt auf zwei Personen?

Was für und was gegen Jobsharing in Führungspositionen spricht.

Alain Gfeller, Patrick Marcolli
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Reicht ein prall gefüllter Rucksack für einen Regierungsratssitz? Oder sind zwei besser?

Reicht ein prall gefüllter Rucksack für einen Regierungsratssitz? Oder sind zwei besser?

zVg

Um diesen Artikel geht es:

Pro

In einer perfekten Welt kämen wir mit dem aus, was wir haben. Wir müssten nichts Neues erfinden, nichts erforschen und vor allem: nichts riskieren. In der Realität müssen wir uns weiterentwickeln. Stillstand verhindern – etwas riskieren. Zum Beispiel Topsharing in einer Regierung.


Ist es nicht logisch, dass zwei Personen mehr Fachkompetenzen haben als eine? Kompetenz ist immer ein Hauptkriterium. Flexibel muss man sein. Zu zweit ist man flexibler als alleine. Zudem können zwei gleichzeitig an verschiedenen Orten sein und damit auch ihre Anliegen bei einem grösseren Publikum repräsentieren. Unter Druck produktiv sein – auch eine beliebte Anforderung. Wenn es zeitlich knapp wird, kann man mit doppelter Arbeitskraft die Arbeit bewältigen. In einer perfekten Welt würde man nur Anforderungen stellen, die man erfüllen kann. In der Realität nimmt man jene, denen man zutraut, möglichst viele Kriterien zu erfüllen. Und was, wenn sie ausfallen? Bei einem Krankheitsfall wäre weiterhin eine kompetente und vor allem entscheidungsbefugte Person da. Krankheit gibt es bei Teilzeitangestellten sowieso weniger. Sie haben seltener ein Burnout, sind glücklicher, produktiver – daher angenehmer und bleiben eher gesund als Vollzeitbeschäftigte.
Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Damit meinen viele «Frauen». Aber auch Männer wollen sich am Alltagsleben beteiligen, den Elternabend besuchen, Einkäufe erledigen oder am Freitagmorgen die Wäsche waschen. Menschen, die mitten im «normalen» Leben stehen und in Führungspositionen sind: eine perfekte Welt.


Angst bewirkt Stillstand. Angst, dass etwas schiefgehen könnte. Der Fall Maudet in Genf zeigt, dass auch einer alleine alles in den Sand setzen kann. Mit einem Topsharing hätte Genf noch einen funktionierenden Regierungsrat.


Wer in einer Regierung sitzt, ist ein Machtmensch. Ein Machtmensch, der bereit ist, seine Macht zu teilen, kann einen neuen Charakterzug in eine Regierung bringen – in der perfekten Welt, die wir wollen.

Alain Gfeller

Contra

Eine verlockende Idee, zugegeben, besonders in der heutigen Zeit: Geteilte Führung statt Millionen scheffelnder Autokraten, die Sache im Mittelpunkt statt die Gelüste von machtgeilen Narzissten.


So einfach ist es leider nicht. Da wäre die Sache mit der Verantwortung. In guten Zeiten Verantwortung zu übernehmen, ist nicht allzu schwer, grosse Gewinne oder Siege zu teilen nicht allzu belastend, seien es politische oder pekuniäre. Wie steht es aber damit, wenn es um Verluste und Niederlagen geht? Geteilte Verantwortung wird in diesem Fall zur doppelten Last. Und wer trägt schon freiwillig etwas mit, wofür er sich nur zur Hälfte oder vielleicht gar nicht verantwortlich fühlt? Was unweigerlich folgt: Schuldzuweisungen – vielleicht sogar öffentliche –, Misstrauen, Blockaden, Stillstand. Zu unguter Letzt bleibt nichts als die Trennung. In einer idealen Welt, ja, da würden sich zwei Jobsharer blind vertrauen, würden nicht wissen wollen, was der oder die andere in ihrer Abwesenheit tut, mit wem er oder sie spricht und welche Ziele er oder sie verfolgt. Und ja, in einer idealen Welt gäbe es vielleicht Ämter, deren Aufgaben einfach so, ohne inhaltliche Überschneidungen, je hälftig getrennt werden können. Die Realität aber sieht anders aus.


Und dann gibt es noch die Kraft des Symbols. Jobsharing ist ab einer gewissen Hierarchiestufe immer mit einem Verlust an Aussenwirkung verbunden. In Politik wie Wirtschaft. Es ist nicht wegzudiskutieren, dass insbesondere in der Politik auf die Kraft der Symbolik gesetzt werden muss. Im schweizerischen Konkordanz-System einen Regierungsposten zweifach zu besetzen, wäre besonders irrwitzig: Bundes- oder Regierungsräte bewegen sich systembedingt bereits in einem ziemlich dichten und gleichmachenden Geflecht der Repräsentation. Und ausserdem: Wen würde ich abwählen wollen, wenn mir die Arbeit eines Departements nicht passt? Gleich beide Jobsharer?


Fazit: Ein «Topsharing» würde nur jemandem nachhaltig dienen: Der Berufsgruppe der Mediatoren und Coaches.

Patrick Marcolli