Gastkommentar
Die Tage des Autofahrens sind gezählt

Esther Kellers Gastkommentar zu selbstfahrenden Autos. Esther Keller ist Autorin und Publizistin. Sie lebt in Basel.

Esther Keller
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(Archivbild)

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KEYSTONE/AP/ERIC RISBERG

Falls Sie heute mit dem Auto unterwegs sind: Geniessen Sie es, selbst wenn Sie im Stau stehen. Weshalb? Weil Sie es nicht mehr lange tun werden. Nicht das Geniessen, sondern das Autofahren. Ein Fahrzeug selber zu lenken, wird in dreissig Jahren undenkbar sein. Und wir werden mit Wehmut an die Zeiten zurückdenken, als wir noch mit einem Kitzeln im Bauch die Passstrassen hoch- und runterkurvten.

Wie beim Flugverkehr wird auch auf der Strasse der Autopilot uns Menschen ablösen. Wir werden einsteigen und uns zurücklehnen können. Und wir werden uns wundern, wie gefährlich die Zeiten waren, als noch jeder selbst am Steuer sass. Klingt übertrieben? Ist es nicht. Eigentlich ist unser Verkehrssystem, so wie es sich heute präsentiert, des Wahnsinns.

Freitagabend, 22 Uhr. Nach einem dreistündigen Streit mit der Partnerin hastet ein emotional aufgewühlter Mann zu seinem Auto und startet den Motor. Er will einfach nur weg. Unterwegs lässt er das Gespräch Revue passieren, flucht, ärgert sich und schlägt mit der Faust aufs Steuerrad. Szenenwechsel. 23 Uhr. Fünf Freunde fahren in die Stadt. Die Stimmung ist ausgelassen, Bass dröhnt aus den Lautsprechern, alle ausser dem Fahrer sind alkoholisiert. Es regnet, die Sichtverhältnisse sind schlecht. Gleich hintendran, eine Frau im Auto. Während sie fährt, tippt sie eine Nachricht ins Handy. Sie weiss, dass sie sich selbst und andere damit gefährdet, aber sie ist zu spät dran und möchte ihrer Freundin Bescheid geben.

So wie in diesen drei Beispielen sind jeden Tag Millionen Menschen in Fahrzeugen unterwegs. Mal konzentrierter, mal weniger. Mal geübter, mal weniger. Der Gelegenheitsfahrer mit Mobility, der statt des Blinkers den Scheibenwischer betätigt. Der Ortsunkundige, der seine Augen aufs Navi heftet. Und mitten drin: Velofahrer, Fussgänger. Kaum sichtbar, ungeschützt.

Es ist klar: Die Vorstellung, dass das Fahrzeug die Regie übernimmt, ist unangenehm. Man scheint dem Bordcomputer wehrlos ausgeliefert. Und doch wird sich die Umstellung schnell vollziehen, sobald die technischen und rechtlichen Hürden genommen sind. Denn die selbstfahrenden Autos kennen den Weg, sie haben keine Reaktionsverzögerung, können mit lichtempfindlichen Kameras schlechte Sichtverhältnisse wettmachen – und wir als Insassen haben die Hände und den Kopf frei für Anderes.

Einige Bevölkerungsgruppen werden speziell von dieser Entwicklung profitieren: ältere Menschen, Jugendliche oder Menschen mit kognitiver oder körperlicher Beeinträchtigung. Sie alle wären plötzlich mobiler als je zuvor. Autoprüfung? Überflüssig. Doch wir brauchen noch etwas Geduld, bis dieses Szenario Realität wird. Studien rechnen mit einem Zeithorizont von zehn Jahren, bis das erste autonom selbstfahrende Auto zugelassen wird. Bis zur flächendeckenden Umsetzung dauert es bedeutend länger, doch in einigen Jahrzehnten werden wir unseren Urenkeln schildern, wie das damals war, als wir uns jeden Tag todesmutig in den Verkehr stürzten.