Der Weltenbasler
Besuch meiner Enkeltochter

Der Weltenbasler wagt einen düsteren Zeitsprung in die Medienwelt im Jahr 2049. Zum Autor: Der 43-jährige spanischstämmige Basler ist Anwalt in Pratteln und dreifacher Familienvater. Er befasst sich mit politischen Themen der Region und jenseits des Tellerrandes.

Daniel Ordás
Daniel Ordás
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Wie sieht wohl die Medienwelt im Jahr 2049 aus?

Wie sieht wohl die Medienwelt im Jahr 2049 aus?

KEYSTONE

Zwei Spaziergängerinnen wurden in einem Waldstück bei Castrop-Rauxel von herunterfallenden Ästen mittelschwer verletzt.»

«Die Vorbereitungen für die Eröffnungsparty des Hauptstadtflughafens laufen auf vollen Touren und könnten in den kommenden Jahren abgeschlossen werden.»

«Unsere Schweizer Zuschauer stimmen am kommenden Sonntag über irgendetwas wegen AHV 2050 ab.»

«Trotz Nieselregen schlägt Werder Bremen den FC Bayern München 2:1.»

Ich liebe es, wenn unsere Enkeltochter zu Besuch kommt. Sie rauschte letzten Freitag mit ihrem Tesla xZ41 Time-Hopper heran, und ich durfte mich wie immer ins Cockpit setzen, um auf dem Holo-Screen das «ZDF Heute Journal» vom Juni 2049 zu schauen. Als ich sie wegen dieser «AHV 2050»-Abstimmung fragte, zeigte sie mir die Aufzeichnung der Abstimmungssendung auf RTL II.

Eine hübsche Berlinerin moderiert – oben ohne – mit einem braun gebrannten Muskelpaket aus Leipzig die Politsendung «Schweizer Streit». Während der Werbeunterbrechung laufen Werbefilme von Coca-Cola, McDonald’s und ein farbenfroher Spot von Saab zur bevorstehenden Abstimmung zum Kampfjet 52.

Ich frage meine Enkelin, wo sich denn die Romands im 2049 über die Abstimmungen informieren. Sie sagt mir, dass die französischen Schweizer kaum mehr an Abstimmungen teilnehmen, weil «TF1» keine Politsendungen aus den Provinzen mehr ausstrahlt, und die Zuschauerzahl ohnehin nur gering war.

Politisch viel aktiver sind laut meiner Enkelin die Tessiner. In der Sendung «Forza Svizzera» sitzen zwei Tessiner Nationalrätinnen bei «Rai Uno» im Bikini in einem Swimmingpool unter der Sonne von Rimini und schreiben mit Filzstift Argumente auf Wasserballone für und gegen die dritte Röhre am Gotthard, welche sie sich dann mit verbundenen Augen anwerfen müssen. Die Zuschauer von Airolo bis Palermo können dann via Telefonvoting entscheiden, welche Nationalrätin drei zusätzliche Wasserballone bekommt und damit die drei Hauptargumente zur offiziellen Wahlempfehlung von «Rai Uno» werfen darf.

Überhaupt ist zu sagen, dass die Mitglieder von National-und Ständerat im Jahr 2049 viel hübscher und durchtrainierter sind als heute. Die meisten von ihnen sind in der ersten Runde von «Switzerland’s got Talent» herausgefallen, nutzten aber ihre BBC-Bekanntheit, um Politkarriere zu machen. Meine Enkelin fragt mich, ob wir das früher nicht undemokratisch und intransparent fanden, dass auf der Toilette des Ständerates keine Live-Cam war, über welche die Volksvertreter direkt über die aktuellen Polithintergründe bloggen konnten.

Ich versuche, ihr zu erklären, wie die politische Meinungsbildung vor der No Billag-Initiative im Jahr 2018 in der Schweiz stattfand, spüre aber schnell ihre Langeweile. Offenbar ist sie mehr am altmodischen Apfelkuchen ihrer Grossmutter interessiert als an meinen Geschichten über die Zeit, als die Schweiz noch eigene Fernseh- und Radiosender hatte, mit denen sie die nationale Informationssouveränität aufrecht hielt und sicherstellte, dass das direktdemokratisch mitentscheidende Volk sich nicht in Nebensätzen und Politklamauk-Shows ausländischer Privat-und Staatssender informieren musste.

Leider musste meine Enkeltochter bald wieder weiterfliegen, denn ihr Freund hatte ein romantisches Wochenende im Europapark gewonnen, da er auf «SWR 3» die Resultate der Januar-Abstimmungen 2049 beinahe erraten hatte.

Beim Gedanken an diese Zukunft wird mir ein bisschen mulmig. Der einzige Trost ist, dass die Abschaffung der Billag und der SRG noch verhindert werden kann, und dass meine Enkelin das Apfelkuchenrezept mitgenommen hat, welches hoffentlich das Zeit-Raumkontinuum überleben wird.