Unsere kleine Stadt
Angst regiert

Unsere kleine Stadt testet im Basler Klybeck-Quartier die Zukunft. Zum Autor: Daniel Wiener liess sich bei der früheren «National-Zeitung» zum Journalisten ausbilden. Er ist Kulturmanager, Unternehmer und Berater.

Daniel Wiener
Daniel Wiener
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Der Vorschlag der Architekten Diener & Diener. Sie und drei weitere Teams stellten am letzten Wochenende ihre Testplanungen fürs Klybeck-Areal vor.

Der Vorschlag der Architekten Diener & Diener. Sie und drei weitere Teams stellten am letzten Wochenende ihre Testplanungen fürs Klybeck-Areal vor.

Team Diener & Diener Architekten, Basel + ADRIANO A. BIONDO

In schlechter Erinnerung ist uns allen die Hochhaus-Modellstadt im Basler Hafen, die als «Rheinhattan» zum Inbegriff fantasieloser, menschenfeindlicher und spekulativer Verdichtung wurde. Auch Jahre, nachdem sich die Stadtentwickler von dieser Vision verabschiedet hatten, mussten sie sich pausenlos von dem seelenlosen Abu-Dhabi-Verschnitt distanzieren.

Am vergangenen Wochenende legten vier Teams ihre Testplanungen für das südlich des Hafens gelegene Klybeck-Areal vor. Dieses Gebiet hat mit 300 000 Quadratmetern eine ähnliche Grösse wie der Rheinhafen. Auch hier entsteht ein neues Quartier. Basel ist die einzige grosse Stadt der Schweiz, die über mehrere ausgedehnte, zentrumsnahe Flächen verfügt, die grundlegend neu gestaltet werden können. Es gilt, für diesen Wandel eine gute Praxis zu entwickeln.

Die vier Testplanungen haben sehr vieles gemeinsam. Alle sehen beim Wiesenplatz eine Strassenkreuzung vor, die von kreuzbraven Hochhäuslein umzingelt ist. Alle setzen daneben auf Blockrand-Bebauungen, teilweise ergänzt durch Häuserzeilen. Alle möchten das Wieseufer aufwerten und mit einer grünen Achse über die Mauerstrasse mit dem Rhein verbinden.

Alle vergrössern den Horburgpark, teilweise bis zum Wiesenplatz, aber ohne weitere Aussagen zu dessen Qualität zu machen. Vergeblich bleibt die Suche nach einer Prise Humor in den Testplanungen oder wenigstens einem Sinn für urbane Inszenierung. Weit und breit kein Wahrzeichen, das sagt: Hier ist Klybeck!

Ein einziges Projekt hat eine halbwegs originelle Idee: Es zieht am Rhein auf der Höhe des Wiesenplatzes einen kleinen Bootshafen ins Landesinnere. Von dort gelangt man über eine Fussgänger- und Velobrücke zur Promenade am gegenüberliegenden Grossbasler Ufer. Trotz dieser Extravaganz ist diesem Entwurf, wie allen anderen, das Trauma «Rheinhattan» deutlich anzumerken. Kühn- und Tollheiten, die inspirieren, aber auch Reibung erzeugen oder gar Skandale provozieren könnten, fehlen. Angst regiert anstelle von Inspiration.

Natürlich könnte man sagen: Gut, sind die Städteplanerinnen und Städteplaner zur Vernunft gekommen. Wohin Grossspurigkeit in der Stadtentwicklung führt, können wir im nahen Zürich an vielen schlechten Beispielen studieren – und davon lernen. Wer die bestehende Stadt im gleichen Stil weiter baut, ist auf der sicheren Seite. Wer kleinteilig, nicht zu hoch und nicht zu dicht entwickelt, eckt kaum an und wird auch ein halbwegs anständiges Ergebnis erzielen.

Aber ist es die Rolle der Architekturmetropole Basel, in der zeitgenössischen Neugestaltung von Stadt geradezu anti-experimentell zu wirken? Wären nicht vielmehr Antworten auf globale Herausforderungen gefragt, wenigstens in der Testplanung? Eine Siedlungsform, die der Klimaerwärmung Rechnung trägt, indem sie sich der Typologie von Wüstenstädten annähert, mit dicken Mauern, engen Gassen, mitteleuropäisch ergänzt durch ausgedehnte Fassaden-, Dach- und Strassenbegrünung? Warum schlägt im ehemaligen Schwemmgebiet von Rhein und Wiese niemand ein kleines Venedig vor, das mehr Kühle und lokale Identität ins Stadtbild brächte?

Es ist zu still um Klybeck. Der Planungsprozess läuft zu glatt. Ein Potenzial für Erneuerung droht verloren zu gehen. Es sollte möglich sein, menschenfreundlich und stadtgerecht zu bauen, ohne ausschliesslich auf traditionelle Muster zurückzugreifen. «Rheinhattan» hat wenigstens Kontroversen ausgelöst. Im Klybeck droht die Innovationskraft der Stadt auf der Strecke zu bleiben.

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