Der Landbasler
Am gespenstischen Inferno von Schweizerhalle vorbei

Thomas Schweizer ist ehemaliger Lehrer am Basler Gymnasium Bäumlihof und heute als Buchautor und Literat tätig. Er lebt in Füllinsdorf und schreibt diese Woche darüber, was uns der Schweizerhalle-Brand lehrt.

Thomas Schweizer
Thomas Schweizer
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Bei der Umweltkatastrophe der Schweizerhalle brannte diese Halle der Firma Sandoz ab, die 1350 Tonnen Chemikalien lagerte.Keystone/Michael Kupferschmidt

Bei der Umweltkatastrophe der Schweizerhalle brannte diese Halle der Firma Sandoz ab, die 1350 Tonnen Chemikalien lagerte.Keystone/Michael Kupferschmidt

KEYSTONE

Samstagmorgen kurz nach fünf. Das Telefon läutet. Schlaftrunken, unwirsch und misstrauisch nehme ich den Hörer ab. Knappe, aber gefasste Worte fallen. «Hans Gygli, salü Tom. Wenn du noch nicht im Bild bist: In Schweizerhalle brennt es in der Chemie, der Gestank ist fürchterlich. Ich weiss nicht, was daraus noch wird. Jedenfalls ist bei uns heute keine Schule. Bleib zu Hause und höre Radio. Am Montag wieder.»

Unser Rektor vom Gymnasium Bäumlihof gab allen auswärtigen Lehrkräften – viele, auch er und ich, wohnten im Baselbiet – persönlich seinen Entscheid bekannt. Atemlos verfolgten wir nun Radio Basilisk, kaum Radio DRS, unterbrochen nur durch weitere Telefone. Die Meldungen waren erst verwirrend und widersprüchlich, dann aufwühlend, denn so etwas hatten wir noch nie gehört. Eine Katastrophe schien abzulaufen. Und sie betraf uns alle.

Nach dem Sirenenalarm versuchten die Behörden, die Bevölkerung zu beruhigen, was unterschiedlich gut gelang. Dazu gehörte später auch der bizarre Auftritt am Radio von Regierungsrat Hansruedi Striebel. Er verharmloste, beschwichtigte und verkündete, dass die Schule für alle um halb Zehn beginnen könne.

Was jetzt? Ich war plötzlich im Zwiespalt, verstärkt durch den angesagten Elterntag an jenem Samstag bei uns am Bäumlihof. «Ich gehe», sagte ich schliesslich zu meiner Frau. «Nein, bleib hier – es ist zu gefährlich!» Doch mein Pflichtbewusstsein war stärker. Nichts Heroisches, vielleicht nur die Absicht, mich keinem Elternvorwurf auszusetzen.

So fuhr ich von Füllinsdorf bald durch eine Wolke von ekelhaftem Gestank, der mir fast den Atem raubte, und am gespenstigen Inferno von Schweizerhalle vorbei, der Schule zu. Draussen in den Anlagen wartete eine grosse Menschenmenge. Schüler, Eltern, Lehrer und Neugierige – vereint und ratlos.

25 Jahre nach der Umweltkatastrophe Schweizerhalle
16 Bilder
 Zeitungsverkauf in Basel nach der Brandkatastrophe im Sandoz-Werk in Schweizerhalle vom 1. November 1986.
 Mitglieder des Seuchenkommandos bei den Aufräumarbeiten nach der Brandkatastrophe vom 1. November 1986 in Schweizerhalle nahe Basel. Ueber 8'000 Fässer enthalten den ganzen giftigen Abfall der Sandoz-Katastrophe.
 Die Brandkatastrophe von Schweizerhalle nahe der Stadt Basel in der Schweiz war ein Einschnitt in der jüngeren Geschichte der Region und der Rheinanlieger. Der Chemiebrand am 1. November 1986 bedeutete für die Bevölkerung eine Schreckensnacht und hatte Folgen bis auf die politische Ebene.
 Das Ortsschild von Schweizerhalle, Produktionsstandort zahlreicher Chemie- und Pharmakonzerne wie Novartis oder Ciba SC.
 Der Präsident des Basler Chemie - und Pharmakonzerns Sandoz, Marc Moret, spricht am 21. November 1986 zum ersten Mal nach der Katastrophe von Schweizerhalle zu den Medien in Basel. Moret ist zehn Jahre nach der Fusion von Sandoz und Ciba im 83. Altersjahr gestorben. Der Novartis-Ehrenpräsident starb am Freitag, 17. März 2006 nach längerer Krankheit. Moret gilt als Architekt der am 7. Maerz 1996 besiegelten Fusion von Sandoz und Ciba zur Novartis. Er hatte mit Ciba-Ehrenpräsident Louis von Planta die Fusion eingeleitet. Mit der Fusion trat Moret aus dem aktiven Berufsleben zurück. In seine Amtszeit fiel auch die dramatische Brandkatastrophe im Sandoz-Pestizidlager in Schweizerhalle vom 1. November 1986.
 Bei der Basler Chemiefirma Sandoz bricht am 1. November 1986 kurz nach Mitternacht ein Grossbrand in einer Fabrikationshalle in Schweizerhalle / BL aus. In der durch das Feuer zerstörten Lageralle befinden sich ueber 1000 Tonnen Insektizide und Pflanzenschutzmittel. Durch das giftige Löschwasser, das in den Rhein gelangt, werden über 150 000 Aale getötet. Dieses Bild zeigt das Einsammeln der toten Aale am Rheinufer bei Iffezheim in Baden-Baden / BRD.
 Bei der Basler Chemiefirma Sandoz bricht am 1. November 1986 kurz nach Mitternacht ein Grossbrand in einer Fabrikationshalle in Schweizerhalle / BL aus. In der durch das Feuer zerstörten Lageralle befinden sich über 1000 Tonnen Insektizide und Pflanzenschutzmittel. Unser Bild zeigt die Löscharbeiten durch die Feuerwehr einen Tag nach dem Brand, mit der Detailansicht eines Wasserwerfers in Aktion.
 In Schutzanzuegen und mit Schutzmaske werden am 10. November 1986 bei den Aufräumarbeiten nach der Brandkatastrophe vom 1. November 1986 in Schweizerhalle nahe Basel ausgebrannte Fässer untersucht.
 Eine Menschenkette im Rahmen eines "Internationalen Rheinalarms" am 14. Dezember 1986 reicht von Basel bis in das deutsche Freiburg im Breisgau. Für eine lückenlose Kette werden über 60 000 Menschen benötigt. Am 1. November 1986 kam es in Schweizerhalle nahe Basel in einer Lagerhalle der Firma Sandoz zu einem Grossfeuer, dem über 1'000 Tonnen Insektizide und Pflanzenschutzmittel zum Opfer fielen.
 Sicherheitskräfte der Sandoz befoerdern nach dem Chemieunglueck im November 1986 unsanft einen Fotografen vom Firmengelände in Basel, Schweizerhalle.
 Ein weiterer Chemieunfall im Sandoz-Werk in Schweizerhalle nahe Basel am 9. Dezember 1987. Nach einer Explosion in der Freiluftanlage des Baus 924 geriet die Anlage in Brand.
 Die Brandkatastrophe von Schweizerhalle nahe der Stadt Basel in der Schweiz war ein Einschnitt in der juengeren Geschichte der Region und der Rheinanlieger. Der Chemiebrand am 1. November 1986 bedeutete fuer die Bevoelkerung eine Schreckensnacht und hatte Folgen bis auf die politische Ebene.
 Eine Grosskundgebung, bei der Demonstranten mit einem Transparent mit der Aufschrift "bla bla bla...blabla...bla!" aufmarschieren, anlässlich des Chemieunfalls nach dem Brand vom 1. November 1986. Hierbei kam es in Schweizerhalle bei Basel in einer Lagerhalle der Firma Sandoz zu einem Grossfeuer. Der Oberlauf des Rheins war nach den Löscharbeiten biologisch nahezu tot.
 Die Brandkatastrophe von Schweizerhalle nahe der Stadt Basel in der Schweiz war ein Einschnitt in der jüngeren Geschichte der Region und der Rheinanlieger. Der Chemiebrand am 1. November 1986 bedeutete für die Bevölkerung eine Schreckensnacht und hatte Folgen bis auf die politische Ebene.
 Studenten des Konservatoriums Basel veranstalten in Basel einen Trauermarsch für den Rhein. Auf klassischen und modernen Instrumenten spielen sie Trauermusik und drüüen so ihre Gefühle über die Ereignisse um die Brandkatastrophe in Schweizerhalle aus, aufgenommen im November 1986.

25 Jahre nach der Umweltkatastrophe Schweizerhalle

Silvio Mettler/Keystone

Ich suchte den Rektor, um ihm mein Erscheinen anzukündigen. Seine Reaktion war kühl: «Warum bist du gekommen? Du weisst doch, dass wir heute keine Schule haben.» «Striebel ...» «Er ist hier nicht zuständig, sondern ich.» So war unser Rektor, ein Altphilologe, der von uns und von sich selbst stets viel verlangte, entscheidungsfreudig war und nicht gleich bei Forderungen von Aussen einknickte.

Seine Souveränität zahlte sich auch diesmal aus. Striebel aber wurde diesen schwarzen Samstag nie mehr los. Seine Glaubwürdigkeit konnte er bis zum Ende seiner Amtszeit nicht mehr zurückgewinnen.

Ein anderer Regierungsrat – mein Realschulkamerad Werner Spitteler – war hingegen als Baselbieter mitten im Geschehen in leitender Funktion tätig. Ihm war schnell klar, dass das Unglück Wut und Ohnmacht auslösen musste. Die Politik und die Industrie zusammen waren jetzt gefordert.

Gelernt haben wir aber alle aus diesem Brand. Heute sehen wir ihn als Mahnmal, wie auch Bettina Eichins Kunstwerk «Tabula rasa». Wir sind uns der Verantwortung für die Umwelt stärker bewusst als früher, aber noch immer sitzt uns der mangelnde Respekt vor der Natur wie ein Giftfass fest im Nacken.