Glosse
Zum Ende der Ära «Jogela»: Die Kanzlerin und die müden Löwen

Fabian Hock
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Fabian Hock: «Mit den Jahren ist die Doppelspitze Löw/Merkel stumpf geworden. Das ist in diesen Tagen klar zu sehen.»

Fabian Hock: «Mit den Jahren ist die Doppelspitze Löw/Merkel stumpf geworden. Das ist in diesen Tagen klar zu sehen.»

EPA

Angela Merkel ist seit 13 Jahren Kanzlerin. Jogi Löw seit 12 Jahren Bundestrainer. Eine ganze Generation kennt Deutschland nur mit dieser Doppelspitze. So mancher Vorpubertäre wird gar nicht wissen, dass, zumindest in der Theorie, auch jemand anders das Land regieren könnte. Geschweige denn die Nationalmannschaft.

Dass die Ära „Jogela“ erfolglos blieb, kann nun niemand ernsthaft behaupten. Jubeln konnten beide, Merkel und Löw, manchmal sogar zusammen. Und mit ihnen das ganze Land. Was wurde nicht gefeiert, während des Sommermärchens 2006; als Weltmeister 2014; als Merkel die Flüchtlinge rettete 2015. Ob Jogi anrief, um zu gratulieren?

Auf so viel Gegenseitigkeit beruht die Beziehung der beiden wahrscheinlich nicht. Unvergessen dagegen das Bild der Kanzlerin in der Weltmeisterkabine. Unvergessen auch ein Vorzeige-Secondo namens Mesut Özil, der zu den besten Zeiten der Nationalmannschaft als Paradebeispiel für gelungene Integration taugte.

Löw, zu dieser Zeit gefühlt Merkels Staatspräsident, Aussenminister und Fussballgott in Personalunion, schaukelte die Deutschen acht Jahre lang hoch in Richtung Exstase bis zum absoluten Höhepunkt, als Schürrle flankte, Götze schoss und das Land sich in den Armen lag.

Merkel ihrerseits hatte Deutschland zuvor sicher durch die Finanzkrise geführt und ein allgemeines Gefühl des Wohlseins geschaffen, das es den Deutschen erst erlaubte, nach dem Sieg in Rio so unbeschwert zu eskalieren.

Hätten Löw und Merkel damals im Juli 2014 geahnt, wie die nächsten vier Jahre laufen werden – das Siegerlächeln wäre ihnen im Gesicht eingefroren.

Der Vorzeige-Secondo posiert jetzt mit Erdogan

Heute ist Löw immernoch Nationaltrainer. Und Merkel Kanzlerin. Doch beide sind es irgendwie nur noch auf Abruf. Denn in den vergangenen vier Jahren hat sich vieles verändert in Deutschland. Ausgelassen gejubelt wurde schon länger nicht mehr – den kollektiven Aufschrei der Erleichterung nach Toni Kroos‘ Freistoss gegen Schweden in der 95. Minute einmal ausgenommen.

Die Fussball-WM ist für den Weltmeister vorbei, bevor sie richtig angefangen hat. Das Aus in der Vorrunde. Gruppenletzter. Wie zu den Unzeiten Erich Ribbecks „Rumpelfüsslern“ (EM 2000). Erfolge in der Champions League sind auch schon eine Weile her.

Fast unbemerkt ist Deutschland in eine kaum noch für möglich gehaltene Fussball-Tristesse geschlittert. Vorzeige-Migrant Özil posiert jetzt mit Erdogan. Und über Flüchtlinge freut sich auch kaum noch wer. Es ist grau geworden im Sommermärchen-Land.

Merkel und Löw scheint es an Kraft zu fehlen, daran etwas zu ändern. Mit den Jahren ist die Doppelspitze stumpf geworden. Das ist in diesen Tagen klar zu sehen. Während eine Horde quirliger Mexikaner über Jogis alternde Löwen herfiel und noch quirligere Südkoreaner ein paar Tage später die Reste verspeisten, knöpft sich ein wildgewordenes Rudel Bayern derzeit Merkel vor.

Das hätte es vor vier Jahren nicht gegeben. Da hätte Merkel noch zurückgebissen. Ein Schweinsteiger hätte auf den Tisch gehauen, die Koreaner abgeschüttelt wie lästige Fliegen und nebenher noch einen Brasilianer gefrühstückt.

Vom sanftmütigen Helden zum hässlichen Deutschen

Doch heute liegt 2014 eine gefühlte Ewigkeit zurück. Auf seine alten Tage hat Löw „Die Mannschaft“, wie sie sich aus Marketing-Gründen nennt, ähnlich müde gemacht wie Merkel den Rest des Volks.

Und mit der Euphorie ist der Anstand gleich mit über Bord gegangen: Hatten die Helden von 2014 nach dem 7:1 im Halbfinale noch die tot-traurigen Brasilianer getröstet und sich so nicht nur den sportlichen Respekt aus aller Welt verdient, stürmt heute der leicht untersetzte „Mediendirektor Bewegtbild“ gemeinsam mit dem „Büroleiter Nationalmannschaft“, beide im Partnerlook, nach dem Last-Minute-Sieg im Gruppenspiel gegen Schweden in Jubelpose und mit verzerrtem Gesicht auf die Ersatzbank des Gegners zu. Ein bezeichnendes Bild. In vier Jahren vom sanftmütigen Helden zum hässlichen Deutschen.

Der Anfang vom Ende der Ära Merkel wird schon seit längerem herbeigeschrieben. Dass die Ära Löw nun möglicherweise noch früher endet, hätte allerdings kaum jemand für möglich gehalten. Aber nun ist es, wie es ist. Wenn Löw jetzt geht, geht er als Held. Trotz des Ausscheidens in Russland. Bei Merkel liegt der Fall etwas anders – aber auch nur, weil der Fussball in einer anderen emotionalen Liga spielt als die Politik.

Auch Merkel hat ihre Verdienste. In der Geschichte des Landes haben beide grosse Spuren hinterlassen.

Fussball und Politik, das geht manchmal doch ganz gut zusammen. „Jogela“ sind der Beweis. Deshalb sollten sie jetzt konsequent sein. Rücktritt auf einer gemeinsamen Pressekonferenz – das hätte was. «Ich danke dir, Angela, für deinen Dienst am Land.» – «Ich danke dir, Jogi, für deinen Dienst am Volk.» Und tschüss.

Zumindest einen Nachfolger könnte man direkt im Anschluss präsentieren, denn an Jürgen Klopp führt jetzt kein Weg mehr vorbei. Und einen Bundestrainer wird man sicher auch bald finden.

Alle Bundeskanzler von Deutschland:

Konrad Adenauer (CDU): 1949 - 1963 Der CDU-Politiker Konrad Adenauer war der erste Bundeskanzler Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Hitler-Regime. Er boxte den NATO-Beitritt und die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) gegen den Widerstand der SPD durch. Die EGKS ist der Grundstein der Europäischen Union (EU). Adenauer unterschrieb den deutsch-französischen Friedensvertrag und setzte sich für die deutsch-jüdische Versöhnung ein.
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Konrad Adenauer (CDU): 1949 - 1963 Ausserdem wird Adenauer für die wirtschaftliche Erholung der westdeutschen Gesellschaft verantwortlich gemacht. Vorgeworfen wird ihm, dass er zu lange an seiner Position geklammert hat. Bei den Wahlen 1963 hat er seinen späteren Nachfolger Ludwig Erhard strikt abgelehnt. Adenauer war der älteste Bundeskanzler von Deutschland. Er hatte mit 73 Jahren das Amt angetreten und regierte bis zu seinem 88. Lebensjahr.
1953: Erster Besuch in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg Der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer (links) hatte am 7. April 1953 als erster deutscher Regierungschef nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die USA besucht. Auf diesem Bild unterhält er sich mit dem US-Aussenminister John Foster Dulles in Washington.
1963: Erster Besuch von den USA in den Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg Zehn Jahre nach dem Treffen von Konrad Adenauer und dem US-Aussenminister John Foster Dulles reiste der damalige amerikanische Präsident John F. Kennedy nach Deutschland. Kennedy kam am 23. Juni 1963 auf dem Flughafen Wahn an und wurde von Adenauer empfangen. Auf diesem Bild sieht man die Regierungschefs beim Abspielen der beiden Nationalhymnen.
Ludwig Erhard (CDU): 1963 - 1966 Die Kanzlerschaft von Ludwig Erhard stand von Beginn an unter einem schlechten Stern. Einerseits wurde er von seinem Vorgänger und Parteikollege Konrad Adenauer scharf angegriffen, andererseits kam es zu einer leichten wirtschaftlichen Schwächephase.
Ludwig Erhard (CDU): 1963 - 1966 Erhard versuchte, die Beziehungen zu den USA zu stärken. Ausserdem nahm er diplomatische Beziehungen zu Israel auf, was heftige Proteste in arabischen Staaten auslöste.
Ludwig Erhard (CDU): 1963 - 1966 Der zweite Kanzler nach dem Zweiten Weltkrieg trat Ende 1966 zurück, nachdem er sich mit seiner Partei überworfen hatte. Auch die wirtschaftliche Probleme wurden ihm angelastet.
Kurt Georg Kiesinger (CDU): 1966 - 1969 Der CDU-Politiker Kurt Georg Kiesinger ging in die Geschichte als der Bundeskanzler der ersten «Grossen Koalition» ein. Er vermittelte zwischen den beiden grossen Parteien CDU und SPD.
Kurt Georg Kiesinger (CDU): 1966 - 1969 Diese Vermittlungen zwischen den beiden Parteien wurden Kiesinger oft angelastet. Er habe zu wenig selber entschieden. Weil er früher der rechtsradikalen Partei NSDAP angehörte, musste er diverse Angriffe von politischen Gegnern aushalten. Die Union (CDU und CSU) verfehlte bei der Bundestagswahl 1969 die absolute Mehrheit um lediglich sieben Mandate.
Willy Brandt (SPD): 1969 - 1974 Er war der erste Sozaildemokrat im Bundeskanzleramt. Für seine aussenpolitischen Anstrengungen erhielt er 1971 den Friedensnobelpreis. Willy Brandt setzte sich für die Ostverträge ein und förderte die Aussöhnung mit den östlichen Nachbarländern.
Willy Brandt (SPD): 1969 - 1974 In seiner Amtszeit fiel aber auch die Ölkrise 1973, was zu mehr Arbeitslosen führte. Ein waschechter Skandal war die Enttarnung seines engen Mitarbeiters Günter Guillaume als DDR-Spion. Brandt stelle daraufhin sein Amt zur Verfügung und begründete den Rücktritt damit, dass es «keinen Zweifel an der Integrität des Bundeskanzlers geben dürfe.» Politische Beobachter sind sich heute einig, dass Brandt wegen Arbeitsmüdigkeit und Depressionen zurücktrat.
1970: Der Kniefall von Bundeskanzler Willy Brandt am Mahnmal in Warschau Der deutsche Bundeskanzler Willy Brandt kniete am 7. Dezember 1970 am Mahnmal für die Opfer des Warschauer Ghettos in Warschau nieder. Der symbolischen Geste folgte die Unterzeichnung des Warschauer Vertrags zwischen Polen und Deutschland.
Helmut Schmidt (SPD): 1974 - 1982 Die ersten Jahre der Amtszeit des SPD-Politikers Helmut Schmidt wurden vom Terror der Roten Armee Fraktion geprägt. Schmidt verfolgte strikt die Politik, dass der Rechtsstaat gewahrt werden müsse.
Helmut Schmidt (SPD): 1974 - 1982 Innenpolitisch verfolgte er einen konservativen Kurs, was vielen Parteimitgliedern sauer aufstiess. Er unterstützte den NATO-Doppelbeschluss, was das Ende seiner Amtszeit einläutete.
Helmut Schmidt (SPD): 1974 - 1982 Schmidt wurde wegen seiner offenen und direkten Art auch «Schmidt-Schanuze» genannt. Der Bundeskanzler war bekannt dafür, überall zu rauchen wo er nur konnte. Auch in Fernsehstudios trat er immer mit dem Glimmstengel auf, was ihm auch einige Kritik einbrachte. Letztlich war es aber Schmidts Markenzeichen. Helmut Schmidt verstarb am 10. November 2015 im Alter von 96 Jahren an einer Infektion.
Helmut Kohl (CDU): 1982 - 1998 Der erste CDU-Kanzler nach 13 Jahren wurde durch ein Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt mit den Stimmen von CDU, CSU und der Mehrheit der FDP-Fraktion zum neuen Bundeskanzler gewählt. Er setzte sich starkt für den Euro ein und ist ein Befürworter der Europäischen Union.
Helmut Kohl (CDU): 1982 - 1998 Der Höhepunkt der Amtszeit von Helmut Kohl war die Deutsche Wiedervereinigung im Jahr 1989. Weil die Wirtschaft in Ostdeutschland gegen Kohls Einschätzung zusammengebrochen war, nahm die Arbeitslosigkeit zu. Er wurde 1998 hauptsächlich wegen einer Rekordarbeitslosigkeit abgewählt. Mit 16 Jahren Amtszeit ist Kohl bis heute der Bundeskanzler, der am längsten amtierte.
2013: Helmut Kohl in der Schweiz Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl besuchte das Filmfestival in Zürich. Zu diesem Zeitpunkt sitzt er wegen eines Unfalls schon seit Jahren im Rollstuhl.
Gerhard Schröder (SPD): 1998 - 2005 Der SPD-Politiker verweigerte 2002 den USA offiziell seine Zustimmung zum Irak-Krieg. Dies galt als wichtiger Grund für seine Wiederwahl im selben Jahr.
Gerhard Schröder (SPD): 1998 - 2005 Zu Beginn seiner zweiten Amtszeit benannte Schröder mit der «Agenda 2010» sein Reformprogramm, dass der politischen Linken zu weit ging und wirtschaftsnahen Gruppen nicht weit genug ging. Dies führte zu Massenaustritten aus der SPD und zu schweren Wahlniederlagen der Partei. Mittels einer Vertrauensfrage erreichte Schröder vorgezogene Neuwahlen im Herbst 2005, weil er das Vertrauen der rot-grünen Koalition in sich beeinträchtigt sah. Er verlor die Neuwahlen, konnte aber die SPD in der Regierung halten.
2016: Gerhard Schröder am Swiss Media Forum in Luzern Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder (links) wird von der Moderatorin Susanne Wille am Swiss Media Forum im KKL in Luzern interviewt.
Angela Merkel (CDU): 2005 - heute Die CDU-Politikerin wurde am 22. November 2005 zur Bundeskanzlerin gewählt. Sie ist die erste Frau, die das höchste Regierungsamt Deutschlands bekleidet. Ausserdem war sie bei Amtsantritt mit ihren 51 Jahren die jüngste Amtsinhaberin in der Deutschen Geschichte.
Angela Merkel (CDU): 2005 - heute Die Amtszeit von Angela Merkel wurde und wird von vielen Krisen überschattet. So gelang es ihr, die Arbeitslosigkeit zu mindern. Die Folgen der Finanzkrise 2008, der Eurokrise ab 2009 und der Flüchtlingskrise ab 2015 bleiben aber immer noch aktuell. Merkel wird von ihren politischen Gegner Führungsschwäche vorgeworfen. Im Dezember 2016 kündigt sie an, bei den Wahlen 2017 für eine vierte Amtszeit kandidieren zu wollen.
2016: Angela Merkel mit US-Präsident Barack Obama Angela Merkel empfing den ersten afroamerikanischen Präsidenten Barack Obama bei dessen Abschiedstour in Berlin.
Alle acht Bundeskanzlerinnen und Bundeskanzler seit dem Zweiten Weltkrieg.

Konrad Adenauer (CDU): 1949 - 1963 Der CDU-Politiker Konrad Adenauer war der erste Bundeskanzler Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Hitler-Regime. Er boxte den NATO-Beitritt und die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) gegen den Widerstand der SPD durch. Die EGKS ist der Grundstein der Europäischen Union (EU). Adenauer unterschrieb den deutsch-französischen Friedensvertrag und setzte sich für die deutsch-jüdische Versöhnung ein.

Keystone