Apropos
Zu Höherem berufen

Mario Fuchs
Mario Fuchs
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Das Gespräch der Frauen scheint interessanter zu sein als der Inhalt der Zeitung. Regelmässig blickt der Herr auf und flüchtig hinüber zum Ecktisch. (Symbolbild)

Das Gespräch der Frauen scheint interessanter zu sein als der Inhalt der Zeitung. Regelmässig blickt der Herr auf und flüchtig hinüber zum Ecktisch. (Symbolbild)

Pixabay

Die drei jungen Frauen unterhalten sich am Ecktisch über Theater- und Studienprojekte. Beschattet, ganz unaufdringlich, von einem Mann am Tisch nebenan, längere graue Haare, schwarze Lederstiefeletten, schwarzes Manchester-Sakko, «Die Zeit» aufgeschlagen. Er sieht aus wie ein «Zeit»-Leser: einer, der mehr über Politik und Gesellschaft erfahren will und immer auch etwas über sich selbst.

Das Gespräch der Frauen scheint interessanter zu sein als der Inhalt der Zeitung. Regelmässig blickt der Herr auf und flüchtig hinüber zum Ecktisch. Als könnte er mit den Augen besser zuhören. Es geht gerade um Arbeitsbedingungen, um einen schlecht bezahlten, demütigenden Hilfsjob in einem Wiener Puppentheater. «Das können sie doch nicht mit dir machen!», enerviert sich eine der Freundinnen.

Er legt «Die Zeit» auf die Marmorplatte des Salontischchens, nimmt einen Schluck Kaffee. Langsam lehnt er sich hinüber zum Ecktisch. «Entschuldigung», sagt er fragend, «ich habe das nur gerade mitgehört.» Die Frauen bedeuten ihm lächelnd, weiterzusprechen. «Wissen Sie, was Francis Ford Coppola dazu gesagt hat?» Die Frauen schütteln den Kopf, die Augen neugierig auf den Herrn gerichtet. «Nur wer sich für die einfachsten Arbeiten nicht zu schade ist, ist wirklich zu Höherem berufen.»

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