Kolumne
Zivilisiert gegen Dichtestress

Mit ein paar Überlegungen, wie sich ein verbreitetes Gefühl bewältigen liesse.

Katja Gentinetta
Katja Gentinetta
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Derzeit wird im Parlament um die Umsetzung der Masseneinwanderungs-Initiative gerungen. Wir erinnern uns, dass das Unbehagen am Arbeitsmarkt und der vielerorts empfundene «Dichtestress» zu den Hauptgründen für deren Annahme zählten. Nun, da die Sommerpause definitiv vorüber ist, gehört der «Dichtestress» wiederum zum Alltag. Vielleicht liesse sich dieser ganz einfach bewältigen? Ein paar Beobachtungen und Überlegungen.

Kein Slogan der SBB war erfolgreicher als «Unterwegs zuhause». Wie propagiert, machen es sich die Reisenden in der Bahn bequem: Mit geradezu bewundernswerter Nonchalance, ganz selbst- oder vielmehr umgebungsvergessen, breiten sie sich aus, als ob sie alleine im Zug wären. Die SBB-Wagen fühlen sich an wie grosse Wohnungen, in denen telefoniert, gegessen, gefeiert und geschlafen wird. Wenn derartiges Wohlbefinden der Wunsch der SBB ist, wäre es vielleicht sinnvoll, diese Wohngemeinschaften in verschiedene Zimmer aufzuteilen, sprich, verschiedene Wagen zu definieren, in denen sich seinesgleichen ausbreiten kann?

Politikphilosophin und -Beraterin

Die promovierte Philosophin Katja Gentinetta berät Unternehmen in gesellschaftspolitischen Fragen. Sie ist Lehrbeauftragte an der Universität St. Gallen und moderierte bis Ende 2014 die «Sternstunde Philosophie» am Schweizer Fernsehen.

Als Gegenstück zum «Ruhewagen», den es leider kaum mehr gibt – und der nicht selten ignoriert oder von penetranten Flüsterern dominiert wird –, denke ich etwa an einen «Schwatzwagen» für jene, die bereits morgens um sieben alle Mitreisenden mit ihrer guten Laune beglücken wollen. Sodann gehörte in jede Formation ein «Schmatzwagen», in dem Schweizer Bratwürste und exotische Curries nicht nur ihre Duftwolken verbreiten, sondern auch vollmundig genossen werden können. Platz böte dieser Wagen auch für die gesundheitsbewussten Apfel- und Rüebliknacker, zu deren unerlässlichem Reisegepäck meist auch die lauten Raschelsäcke gehören.

Wer weder schwatzt noch schmatzt, sondern einfach seine Ruhe geniessen möchte, könnte den «Wohnwagen» wählen, in dem jedem Fahrgast mindestens vier Plätze zur Verfügung stehen: die gegenüberliegende Bank für die Beine und Füsse (ob mit oder ohne Socken, nach einem Büro- oder einem Wandertag), der Nebensitz für Jacke, Pullover, Tasche, Rucksack, Buch, Zeitschrift, Einkaufstaschen und was man alles so bei sich hat, um sich wie in der eigenen Polstergruppe zu fühlen.

Schliesslich wäre – politisch gänzlich unkorrekt – ein «AHV-Wagen» mitzuführen für alle Rentnerinnen und Rentner, die in ihrer vielen Freizeit, oft als Gruppe oder Verein, unterwegs sind. Auch sie wären unter sich, könnten sich (altersbedingt nachvollziehbar) laut unterhalten und einen Jass klopfen. Für Pensionierte, die während der Stosszeiten unterwegs sind, wäre der «AHV-Plus-Wagen» eine Variante: mit einem Aufschlag von 70 Franken pro Fahrgast zur ausgleichenden Generationengerechtigkeit. «Familienwagen» gibts ja bereits; «Kinderwagen» könnten auch in der 1. Klasse eingeführt werden.

Unabdingbar wäre schliesslich ein «Handywagen» – als Werbeangebot der Swisscom beispielsweise: eine grosse Telefonzelle für alle, die jeweils das ganze Abteil an ihrer Konversation teilhaben lassen wollen. Sie wären dann unter sich und könnten sich gegenseitig überbieten.

Die Zukunft der Mobilität gehört ja dem Swisspass der noch viel mehr Informationen speichern kann als die Gültigkeit des Tickets für die jeweilige Fahrstrecke. Warum nicht auch das Fahrverhalten aufnehmen, um die gewünschten Formationen zur Verfügung zu stellen und marktgerecht zu bepreisen? Das wäre die vielleicht wirksamste Massnahme gegen den Dichtestress, der ja nur deshalb ein Stress ist, weil viele Menschen sich nicht mehr bewusst sind, dass nur eine gewisse Zurückhaltung enges Zusammenleben angenehm und erträglich macht.

Bereits in den 1970er-Jahren kritisierte der amerikanische Soziologe Richard Sennett die «Tyrannei der Intimität»: den (falschen) Glauben, man käme sich näher, je authentischer man sich benimmt. Stattdessen plädierte er, gerade für das Zusammenleben in dichten Städten, für Zivilisiertheit. Diese «zielt darauf, die anderen mit der Last des eigenen Selbst zu verschonen. Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen Zivilisiertheit und Urbanität. Zivilisiertheit bedeutet, mit den anderen so umzugehen, als seien sie Fremde, und über diese Distanz hinweg eine gesellschaftliche Beziehung zu ihnen aufzunehmen.» Um über einen nächsten Slogan der SBB nachzudenken: «Die Wiege der Zivilisation»?