Fahrländer
Wir sind Eroberte statt Eroberer

Jetzt ist es also da, das 15er-Superjahr. Schlacht am Morgarten (1315), Eroberung des Aargaus (1415), Schlacht bei Marignano (1515) und Wiener Kongress mit Bestätigung der schweizerischen Neutralität (1815).

Drucken
Teilen
Die Schlacht von Morgarten jährt sich dieses Jahr zum 700. Mal. Das zeigt die Feier aus dem vorletzten Jahr. (Archiv)

Die Schlacht von Morgarten jährt sich dieses Jahr zum 700. Mal. Das zeigt die Feier aus dem vorletzten Jahr. (Archiv)

Keystone

Drei der vier Jubiläen haben bereits zu Kämpfen um die Deutungshoheit geführt. Vor allem der Blick auf Morgarten und Marignano ist stark vernebelt durch drei Phasen der Geistigen Landesverteidigung: jener der Zwischenkriegszeit, jener des Kalten Krieges und jener der Blocher-Köppel-Zeit.

Da haben wir es mit «unserem» 1415er-Jubiläum doch bedeutend besser. Was sich damals abgespielt hat, ist recht gut belegt, auch in seinen Auswirkungen: Die gemeinsame Aktion der Eidgenossen war so etwas wie «nation building» für «unser» Land. Dumm ist bloss: Wir Aargauer (mit Ausnahme der Fricktaler) stehen bei dem Jubiläum auf der falschen Seite. Wir gehören nicht zum «einig Volk von Brüdern». Wir sind nicht Eidgenossen, sondern Habsburger, nicht Täter, sondern Opfer, nicht Eroberer, sondern Eroberte. Ein erstes Gefühl von Ausgeschlossensein durchfuhr mich schon in der Primarschule, als uns unser Lehrer (ja, das gab es damals noch: Primarlehrer) die Entstehungsgeschichte der Schweiz als eine lange Reihe eidgenössischer Heldentaten zu verkaufen versuchte.

Wir müssten heute Trauer tragen. Die Eidgenossen entrissen 1415 den Habsburgern ihre engere Heimat. Also uns. Widerrechtlich. Das schleckt keine Geiss weg. Wir wurden aber nicht eidgenössische Partner, sondern Untertanen. Noch für ganze 383 Jahre, bis 1798. Und auch dann machte uns nicht eidgenössischer Wille zu Gleichberechtigten, sondern ein napoleonisches Zwangsdiktat. 1998 feierten wir zu Recht. Denn 1798 ging die eidgenössische Zweiklassengesellschaft unter, im Aargau wurden die ersten Freiheitsbäume aufgerichtet. Doch 2015 gibt es für uns eigentlich nichts zu feiern. Ausser einer Zwangsannexion.

Darum heisst das, was vorgestern in Zofingen offiziell begann, ja auch nicht «Jubiläumsjahr». Es heisst «Gedenkjahr». Nicht Jubeln ist angesagt, sondern Erinnern. So ist es gut, so darf es sein. Wir wünschen dem Gedenken gutes Gelingen.

Aktuelle Nachrichten