Spengler Cup
Wir haben ihn, also sind wir

Klaus Zaugg
Klaus Zaugg
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Begehrte Trophäe: der Spengler Cup.

Begehrte Trophäe: der Spengler Cup.

Keystone

Beim Spengler-Cup geht es zwar um Eishockey. Also um Sport. Und doch ist das Resultat zweitrangig. Hier ist der Traum aller Sportmanager in Erfüllung gegangen: Zuschauerzahlen, Medienpräsenz, Werbeeinnahmen und Popularität sind nicht vom Resultat abhängig. Erinnern Sie sich noch an die Spengler-Cup-Sieger der letzten drei Jahre? Nein? Erinnern Sie sich an die Schweizer Meister der letzten drei Jahre? Mit ziemlicher Sicherheit. Der Spengler-Cup ist
ein Perpetuum mobile des Sportes: Einmal in Gang gesetzt, dreht es sich seit 90 Jahren ohne die Energiezufuhr von Resultaten bis in alle Ewigkeit. Beim Spengler-Cup ist Sport zu Kultur geworden. Ob der HCD gewinnt oder verliert, ist egal.

Das Erfolgsgeheimnis dieses Turniers ist die Zauberformel vom Zauberberg (hat Thomas Mann doch 1924 in Davos den Klassiker «Der Zauberberg» geschrieben). Die Zutaten für die Zauberformel des Spengler-Cups: erstens, der Kurort Davos im bergigen Heidi-Winterwunderland. Zweitens, der Termin zwischen Weihnachten und Neujahr. – Wenn sonst nichts läuft und jeder dankbar ist für ein bisschen Abwechslung und das Schweizer Fernsehen froh ist um einen Programm-Füller. Drittens, das holzige Stadion, das akustisch und optisch an eine Hockey-Kathedrale erinnert und als eines der architektonisch schönsten der Welt gilt. Viertens, die garantierte Fernsehübertragung, die aus jedem Spiel beste TV-Unterhaltung macht. Selbst die Nordamerikaner sagen, es gebe keine besseren Hockey-TV-Bilder – auch nicht in der berühmten NHL, der nordamerikanischen Liga, die ansonsten im Hockey
das Mass aller Dinge ist.

Der friedlichste Sportanlass der Welt

Dazu kommt die Tradition: Urgrossvater, Grossvater und Vater verfolgten den Spengler-Cup auch schon am Fernsehen (die erste Live-Übertragung gabs 1960). Und schliesslich und endlich gibt es beim Spengler-Cup fast nur Heimteams: Die Kanadier sind beliebt, die Russen werden verehrt, die Tschechen und Skandinavier, wenn sie dabei sind, respektiert und der HCD ist sowieso Kult. Nur gegen die Deutschen – wenn sie denn mal eingeladen werden (dieses Jahr ist dies nicht der Fall) – sind alle. Ansonsten gibt es kein Gegeneinander. Es gibt nur ein Miteinander. Deshalb hat es noch nie Auseinandersetzungen zwischen Fangruppen und Sicherheitsprobleme gegeben. Der Spengler-Cup ist zusammen mit dem Eidgenössischen Schwingfest der friedlichste Sportanlass der Welt.

Es hat immer wieder Versuche gegeben, den Spengler-Cup mit ähnlichen Turnieren zu konkurrenzieren. Zum Beispiel in Arosa, St. Petersburg, Salzburg, Villars, St. Moritz, Stockholm, München und sogar in der Hohen Tatra in Polen und der Slowakei. Doch all diese Versuche sind kläglich gescheitert.

Die Zauberformel ist nicht übertragbar. Sie ist nur auf dem Zauberberg in Davos und nur in der Altjahrswoche anwendbar und gibt dem Turnier den unverwechselbaren Charakter so wie das Geheimrezept von Coca-Cola der braunen Brausebrühe den unverwechselbaren Geschmack gibt. So ist es seit Anbeginn der Zeiten. Schon 1927 notierte der Chronist der «Davoser Zeitung», dass 4000 Zuschauer (!) mit dem Siegestor von Bobby Bell in Ekstase verfallen seien.

Niemand kann sich dem Anlass entziehen

Der Spengler-Cup braucht Davos als Bühne – aber umgekehrt braucht Davos den Spengler- Cup. Davos ohne dieses Turnier wäre wie Rio ohne den Karneval, Basel ohne Fasnacht oder Zürich ohne Sechseläuten. Und unser Eishockey wäre ohne den Spengler-Cup wie ein Tanz ohne Musik oder Schwingen ohne Sägemehl. Selbst wer sich nicht für Sport interessiert, würde merken, wenn es den Spengler-Cup nicht mehr gäbe. Kürzlich seufzte ein nicht unprominenter Zeitgenosse und bekennender Sportverächter, dieser Spengler-Cup gehe ihm auf den Geist. Er könne das ganze Theater nicht verstehen und habe kürzlich eine Einladung nach Davos ausgeschlagen. Mit der Begründung, er interessiere sich nicht für Fussball und erst recht nicht während der Altjahrswoche. Wir sehen: Der Spengler-Cup ist allgegenwärtig. Niemand kann sich ihm entziehen. Unser Hockey, ja wir Schweizer definieren uns inzwischen über dieses Turnier: Wir haben den Spengler-Cup, also sind wir.