Kommentar
Wikipedia: Die Schönfärberei produziert einen Imageschaden

Beamte ändern Wikipedia-Artikel zugunsten der Bundesverwaltung ab. Damit stellen sie ihren Arbeitgeber in ein besseres Licht – verändern aber die Sachlage. Das ist kein Kavaliersdelikt.

Sven Altermatt
Sven Altermatt
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Wikipedia - die grösste Enzyklopädie der Welt

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Nicht einmal zehn Jahre brauchte Wikipedia, um das grösste Nachschlagewerk der Welt zu werden. Das Online-Lexikon gehört zu den meistbesuchten Internetseiten, in der Schweiz liegt Wikipedia auf dem fünften Platz. Und vielleicht ist das Nachschlagewerk sogar der Beweis, dass sich Wissen demokratisieren lässt. Schliesslich ist es auch ein umfassendes Projekt: Jeder kann Beiträge schreiben und erweitern. Die allermeisten der Millionen Wikipedia-Besucher tun das aber nie. Sie nutzen Wikipedia, um etwas nachzuschlagen. Um ein Referat vorzubereiten. Um sich über Firmen oder Produkte zu informieren. Viele wissen, dass nicht alles bei Wikipedia stimmen muss. Vom Seilziehen hinter den Artikeln jedoch ahnen sie wohl wenig: Es geht um die Wahrheit und darum, wer sie gepachtet hat.

Denn auch Marketingleute oder Politiker haben die Bedeutung von Wikipedia als wichtigste Informationsquelle erkannt. Sie versuchen, Artikel in ihrem Sinne zu frisieren. Besonders aktiv dabei sind Bundesangestellte, wie Recherchen zeigen. Munter werden unliebsame Einträge von Computern der Bundesverwaltung aus abgeändert oder gar gelöscht. Ob die Beamten dabei in offizieller Mission handeln, bleibt vorerst im Dunkeln. Das spielt letztlich auch keine Rolle. Wenn im Artikel zu den Schweizer Nachrichtendiensten eine Passage zur umstrittenen Vorratsdatenspeicherung verschwindet oder heikle Rüstungsgeschäfte beschönigt werden, dann ist das nicht nur unlauter und dreist. Die staatliche Schönfärberei darf getrost als Geschichtsklitterung bezeichnet werden.