Fahrländer
Wie genau ist das mit dem Ärztemangel?

Hans Fahrländer war Chefredaktor der Aargauer Zeitung und schreibt über Aargauer Politik: Der Ärztemangel, vor allem der Hausärztemangel, war bisher vor allem ein Phänomen auf dem Lande, doch hat er längst die Aargauer Kleinstädte erreicht.

Hans Fahrländer
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Die Gesamtzahl der Ärzte in freier Praxis hat inzwischen die Tausendergrenze überschritten.

Die Gesamtzahl der Ärzte in freier Praxis hat inzwischen die Tausendergrenze überschritten.

Keystone/CHRISTIAN BEUTLER

«Die Mär vom Ärztemangel» – jüngst überraschte die «NZZ am Sonntag» mit dieser Schlagzeile. Wir konnten es nicht recht glauben. Hat doch der Ärztemangel, vor allem der Hausärztemangel, bisher vor allem ein Phänomen auf dem Lande, die Aargauer Kleinstädte erreicht.

Ein Arzt hört altershalber auf, er findet keinen Nachfolger, seine Patienten werden sozusagen heimatlos. Doch die Zeitung beliess es nicht bei Schlagzeilen, sie trumpfte mit Statistiken auf: Zwischen 2008 und 2016 hat die Zahl der Ärzte in der Schweiz um 19 Prozent zugenommen, die Bevölkerung aber nur um 10,5 Prozent.

Der Aargauische Ärzteverband ist zurzeit daran, die Zahlen für unseren Kanton zu aktualisieren. Die Gesamtzahl der Ärzte in freier Praxis hat inzwischen die Tausendergrenze überschritten. Rund 450 von ihnen gehören der Fachgruppe «Allgemeine Innere Medizin, Kindermedizin und praktische Ärzte» an (entspricht in etwa der Definition Hausarzt).

Der NZZ-Bericht belegt auch: Wo die Zahl der Ärzte besonders stark steigt, steigen die Gesundheitskosten besonders stark. Auch da sagt der Menschenverstand zunächst: Kann nicht sein.

Im Gegensatz zu Krankenkassen und Metzgern dürfen Ärzte nicht für ihre Dienstleistungen werben. Nicht auszuschliessen ist, dass vor allem neu einsteigende Ärzte grosszügig Zusatz-Untersuchungen durchführen.

Ein kompliziertes Thema mit einer ganzen Reihe von Einflussfaktoren:

  • Früher arbeiteten Ärzte oft ungesund viel. Die durchschnittliche Arbeitszeit ist gesunken, es braucht zur Erbringung der gleichen Leistung mehr Menschen (wer meint, dieses Phänomen beschränke sich auf die Ärzteschaft, der werfe den ersten Stein).
  • Die Anzahl der Frauen im Beruf ist gestiegen – und damit die Zahl der Teilzeitarbeitenden (sie steigt übrigens auch bei den Männern).
  • Ältere Ärzte reduzieren ihr Pensum, behalten aber ihre Abrechnungsnummer und bleiben deshalb in der Statistik.
  • Die Zahl der Ärzte in Gruppenpraxen steigt. Diese haben gewiss Vorteile, für Anbieter und für Kunden. Doch der Einzelne arbeitet in der Gemeinschaft vermehrt nach «Bürozeiten». Und wieder steigt die benötigte Ärztezahl.
  • Was man aber vor allem genau analysieren muss: Wie ist die Verteilung Spitalärzte/freie Ärzte, die Verteilung nach Regionen – und die Verteilung nach Spezialgebieten? Die Prognose darf gewagt werden: Zugenommen haben Ärzte vor allem in Spitälern, in gewissen lukrativen Spezialgebieten und in den grossen Städten. Damit wäre dann die «andere Wahrheit», die des Ärztemangels, punktuell eben auch korrekt.

hans.fahrlaender@azmedien.ch