Nagra-Entscheid
Wer meint, der Aargau nehme den Atommüll ohnehin, liegt falsch

Die Nagra will nur noch zwei Standorte für ein Endlager weiter vertieft untersuchen will. Doch ist wirklich schon klar, dass diese beiden die Anforderungen am besten erfüllen? Der Wochenkommentar von Aargau-Politik-Chef Mathias Küng.

Mathias Küng
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Die Nagra will sich auf nur noch zwei Standorte konzentrieren, auf «Jura Ost» (Bözberg) und «Zürich Nordost» (Benken).

Die Nagra will sich auf nur noch zwei Standorte konzentrieren, auf «Jura Ost» (Bözberg) und «Zürich Nordost» (Benken).

© Greenpeace / Andrew Kerr

Bis gestern standen sechs mögliche Standorte für ein Atommüll-Endlager im Fokus der Nagra und der Öffentlichkeit. Unter ihnen die in den Aargau hineinreichenden Standorte «Nördlich Lägern» und «Jura-Südfuss». Jetzt will sich die Nagra auf nur noch zwei Standorte konzentrieren, auf «Jura Ost» (Bözberg) und «Zürich Nordost» (Benken). Der Bundesrat entscheidet 2017, ob tatsächlich nur diese oder mehr Standorte weiterverfolgt werden sollen. 2027 will er über die Rahmenbewilligungsgesuche entscheiden. Das letzte Wort dürfte das Volk haben.

Eigentlich ist seit Jahrzehnten klar: Am effizientesten und günstigsten wäre eine mehrstaatliche Lösung. Diese Diskussion kehrt alle paar Jahre wieder. Das Ergebnis ist jedes Mal dasselbe: Kein Land mit stabilen demokratischen Strukturen will den Atommüll anderer Länder, keine Regierung würde so ein Abenteuer überleben. Somit bleibt letztlich nur die Suche nach einem Standort im eigenen Land.

Unsere Generation ist es kommenden Generationen schuldig, den Standort zu realisieren, sobald man ganz sicher ist, das bestmögliche, stabilste Gestein gefunden zu haben. Dabei darf die Frage, ob ein Tiefenlager in einer Region mutmasslich günstiger kommen könnte als in einer anderen, keine Rolle spielen. Erst recht keine Rolle spielen darf die Vermutung, die Bevölkerung im Aargau könnte einem Endlager weniger ablehnend gegenüberstehen als jene in Zürich. Wenn nur schon der Anschein eines Verdachts entstehen sollte, das Verfahren sei eine Farce und am Schluss laufe es so oder so auf den Aargau hinaus, dann kann der Bund die ganze Übung gleich abbrechen und neu starten.

Zu Recht verlangen die potenziell betroffenen Kantone einen rein auf Sicherheitsaspekten gründenden Entscheid. Wer wollte es auch vor seinem eigenen Gewissen, vor dem Volk und vor kommenden Generationen vertreten, einen Standort aus rein politischer Opportunität durchzudrücken? Es würde auch nicht funktionieren, auch nicht im Aargau. Die Aargauer Bevölkerung ist gewiss bundestreu. Aber sie weiss sehr genau, welche grossen Lasten sie für das ganze Land seit Jahrzehnten solidarisch trägt.

Der Aargau ist ein aufstrebender, schnell wachsender Kanton mit neuem Selbstbewusstsein. Dieses ist heute so stark, dass er sogar das Jahr 1415, in dem er einst erobert worden ist, unverkrampft thematisiert und für spannende Blicke in die Zukunft nutzt. So ein Kanton würde sich in der Endlagerfrage von niemandem überfahren lassen. Zu Recht. Nicht ein politischer, nur ein sicherheitsbezogener Entscheid könnte akzeptiert werden. Alle müssen sich darauf verlassen können, dass danach gehandelt wird. Immerhin hat die Schweiz die nötige Zeit für die Suche. Bis der Standort gefunden ist, lagert der Müll sicher im Zwischenlager in Würenlingen im Aargau, der damit freundeidgenössisch eine gewichtige Last trägt.

Nun ist die Schweiz von einem Standortentscheid noch weit entfernt. Sie steckt in einer noch frühen Phase des sich bis 2027 hinziehenden Auswahlverfahrens. Als Nächstes entscheidet der Bundesrat 2017 darüber, wie viele und welche Standorte weiterverfolgt werden sollen. Bis dahin ist nicht nur seitens der Bundesinstitutionen, sondern auch der Kantone sorgfältig abzuklären, wie die Nagra ihre überraschende starke Einengung auf die Standorte Jura Ost (Bözberg) und Zürich Nordost (Weinland/Benken) genau begründet.

Denn alle sechs bisher untersuchten Standorte erfüllen die Sicherheitsanforderungen. Deshalb sind die anderen vier noch nicht aus dem Schneider. Auch sie müssen sich weiter am Verfahren beteiligen, um 2017 nicht ein böses Erwachen zu riskieren. Jetzt ist zu klären, wie sehr sich die sechs Standorte wo unterscheiden, welche Kriterien wie gewichtet werden, ob die Nagra-Beurteilung schlüssig ist oder nicht, welche Informationen noch fehlen. Erst dann lässt sich entscheiden, ob der Bözberg und das Zürcher Weinland die Anforderungen klar am besten erfüllen und allein ins Schlussrennen gehen müssen oder nicht.

Selbst wenn schon zahllose Untersuchungen vorgenommen wurden, ist schwer zu vermitteln, dass weitere vertiefte Untersuchungen erst erfolgen sollen, nachdem der Bundesrat 2017 über den Nagra-Vorschlag entschieden hat. Nagra-CEO Thomas Ernst erachtet zwar die Wahrscheinlichkeit, dass sich später eine Region als doch nicht geeignet erweisen könnte, aufgrund des grossen bisherigen Wissens als gering. Doch auch dieses Risiko ist in die Abwägung einzubeziehen.