Gastkommentar
Wer lebt einfacher – Jung oder Alt?

Zur Schieflage der AHV und wie die Lücken durch drei Massnahmen geschlossen werden kann.

Veronica Weisser
Veronica Weisser
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Der Generationenvertrag wird häufig missverstanden. (Symbolbild) Gaetan Bally/Keystone

Der Generationenvertrag wird häufig missverstanden. (Symbolbild) Gaetan Bally/Keystone

KEYSTONE

Die AHV ist in Schieflage. Diese Schieflage stammt daher, dass die AHV-Gesetzgebung die ökonomische Realität der zweifachen Generationenverträge missachtet. Der Generationenvertrag wird häufig missverstanden. Und dann geht es auch um Voraussetzungen für einen Vertrag mit den Kindern.

Ein Irrtum beim Generationenvertrag ist etwa, dass 44 Jahre an AHV-Einzahlungen über den
Generationenvertrag ein Recht auf eine AHV-Rente begründen. Der Generationenvertrag ist indes ein Solidarvertrag zwischen je (nur) zwei Generationen, wie es der 1975 verstorbene deutsche Wirtschaftstheoretiker Wilfried Schreiber erstmals beschrieb. Die Rentenzahlung an die eigene Elterngeneration stellt im ersten Generationenvertrag die Gegenleistung für die Erziehung und Ausbildung sowie für die Bereitstellung von Infrastruktur durch die eigene Elterngeneration dar.

Der zweite Vertrag mit der Kindergeneration begründet, dass jede Generation ein zweites Mal leisten muss, aber auch ein zweites Mal empfangen darf. Sie muss eine Kindergeneration gebären, grossziehen und ausbilden. Im Gegenzug darf sie eine AHV-Rente sowie weitere Leistungen im Alter beanspruchen. Die Schieflage der AHV stammt eben daher, dass die ökonomische Realität der zweifachen Generationenverträge missachtet wird. So verspricht die AHV-Gesetzgebung nach 44 Beitragsjahren an die Eltern eine AHV-Rente, freilich ohne zu prüfen, ob Kinder grossgezogen und ausgebildet wurden.

Die für einen modernen Sozialstaat grundlegende Vorstellung, dass jeder zunächst für sich und seine Familie verantwortlich ist – auch, dass Kinder Privatsache sind –, wird durch die Einführung eines staatlichen Generationenvertrags ausgehebelt. Sind Sozialsysteme etabliert, in denen strukturell die Einnahmen primär von den erwerbstätigen Generationen stammen, während die Ausgaben grossteils für die Rentnergenerationen anfallen (AHV, Ergänzungsleistungen, Gesundheitsversorgung), so sind Nachkommen als fester Bestandteil der Staatsfinanzierung eingeplant. Kinder wären dann Staatssache.

Personen ohne Kinder könnten ein Recht an den Leistungen der Kindergeneration erwerben, in dem sie über den Staat mit höheren Steuerbeiträgen die Kindergeneration finanzieren. Verzichten aber zu viele Personen auf Kinder – d.h. fallen die Geburtenraten – so stehen für die im Rentenalter angekommene Elterngeneration geringere Mittel zur Verfügung. An sich muss dies kein Problem sein. Denn das bei der Finanzierung einer kleineren Kindergeneration gesparte Geld kann zur Seite gelegt und später zur Zusatzfinanzierung der eigenen Leistungen im Alter genutzt werden. In der AHV fehlt aufgrund der zu kleinen Kindergeneration langfristig aber die stattliche Summe von 1060 Milliarden Franken – etwa 170 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Diese Lücke kann durch drei Massnahmen geschlossen werden:

  • Erstens: Der Wohlstand in jungen Jahren wird reduziert. Die jungen und zukünftigen Generationen finanzieren die Renten durch pro Kopf höhere Abgaben und Steuern.
  • Zweitens: Der Wohlstand im Rentenalter wird reduziert oder der Anstieg gedämpft. Die Renten werden eingefroren, ihr Wachstum gedämpft, oder sie werden gar gesenkt. Eine Senkung aller heutigen und zukünftigen AHV-Renten um 23 Prozent würde die Lücke in der AHV schliessen. Vermögensverzehr könnte den Lebensstandard im Rentenalter stützen.
  • Drittens: Das Rentenalter wird angehoben.

Wie die AHV-Ausgaben und -Einnahmen in Einklang gebracht werden, bestimmt, wie «sicher» die AHV-Renten sind. Sichere Renten würden einen Erhalt des Wohlstands im Alter implizieren. Möglich wäre dies nur durch eine zusätzliche Belastung der Jungen (Massnahme 1) und/oder eine Anhebung des Rentenalters (Massnahme 3).

Viele Junge befürworten zwar den Erhalt des Rentenniveaus. Doch sie verstehen oft nicht, dass die Gegenleistung der Elterngeneration, nämlich ausreichend Kinder zu haben, nicht voll erbracht wurde. Ebenso wenig realisieren sie, dass die Mehrzahlung an ihre Elterngeneration nicht im Geringsten dazu beiträgt, dereinst ihre eigenen AHV-Renten zu sichern.
Dies kann nur ein zweiter Generationenvertrag mit einer ausreichend grossen eigenen Kindergeneration ermöglichen. Möchten die Jungen, wie ihre Eltern, wenige Kinder haben, können sie selber mehr sparen und tiefere AHV-Renten hinnehmen, und/oder durch eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit die Pro-Kopf-Kosten für ihre Kinder begrenzen.

Bleibt die Frage, ob staatliche Generationenverträge nicht implizieren, dass Kinderlose einen höheren Beitrag leisten sollten? Noch wird dieses Thema, ob und wie (ausreichend vermögende) Kinderlose für die «Staatssache Kinder» aufkommen sollten, öffentlich kaum diskutiert. Dies dürfte sich aber in Zukunft ändern.