Börsencrash
Wehe, wenn der Riese China taumelt

Mit dem Börsencrash in China wird dem Westen bewusst, wie abhängig die Welt vom Reich der Mitte geworden ist. China-Hasser haben keine Freude daran, Bewunderer schon. Wer hat recht?

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Börsencrash in China.

Börsencrash in China.

Nordwestschweiz

Was die Wirtschaft betrifft, erreichen uns aus China seit Jahren fast ausschliesslich positive Nachrichten. Das Wachstum betrug während Jahren im Durchschnitt 9 Prozent. China ist zur zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen und sollte um das Jahr 2040 herum die USA überholen. Seit dem Ende der Finanzkrise trug China rund ein Drittel zum weltweiten Wirtschaftswachstum bei. Für die Schweiz ist China zum drittwichtigsten Handelspartner geworden, nach EU und USA. Jahr für Jahr reisen mehr chinesische Touristen in die Schweiz, 2014 waren es rund 820'000.

China vollzieht derzeit ein einzigartiges Experiment

Anfang Woche nun bekam die Welt einen Eindruck davon, was passiert, wenn das Reich der Mitte verschnupft ist. Die Börse in Schanghai brach ein – und riss die Finanzmärkte weltweit mit. Die Kurse sanken so stark wie zuletzt beim Ausbruch der Finanzkrise 2008. Die Talfahrt wurde rasch gestoppt, auch deshalb, weil die chinesische Regierung ihre Währung abwertete. Ob die Krise vorüber ist oder ob wir uns in der Ruhe vor dem richtigen Sturm befinden – wir werden sehen.

Wie gut oder schlecht es China geht, betrifft uns stärker, als uns lieb sein kann. Wir sollten uns bewusst werden, wie abhängig die Welt von China geworden ist – und wie fragil das 1,3-Milliarden-Reich, obwohl es nach aussen Stabilität ausstrahlt. China vollzieht ein in der Menschheitsgeschichte bisher einzigartiges Experiment: Nie zuvor gab es ein Land mit so vielen Einwohnern. Nie zuvor sind so viele Menschen so rasch zu Wohlstand gekommen. Nie zuvor wurde die Natur derart grossflächig umgepflügt. Nie zuvor gab es eine Ein-Kind-Politik, deren Folgen auf den Charakter der Menschen noch völlig im Dunkeln liegen. Nie zuvor musste eine Regierung 1,3 Milliarden Menschen mit Nahrung, Wohnungen, Ausbildung und Jobs versorgen. Da kann man nur ein Stossgebet gen Himmel schicken: Hoffentlich kommt das gut!

Kein Land polarisiert im Westen derart stark wie China. Die Bewunderer preisen den rasanten Fortschritt und den ökonomischen Erfolg. Sie sagen: Seht her, wie schnell man vorwärtskommt mit einem autoritären Regime, das entscheiden kann. Gerne weisen sie darauf hin, dass in China ein Flughafen oder eine Bahnlinie in atemberaubendem Tempo aus dem Boden gestampft wird, während in unseren demokratischen Prozessen allein das Bewilligungsverfahren Jahrzehnte dauert. Die China-Hasser hingegen prangern Menschenrechtsverletzungen an, den Einfall Chinas in Tibet, die fehlenden politischen Freiheiten. Sie weisen darauf hin, dass die aktuelle Regierung die Schraube weiter anzieht und jede Kritik abwürgt.

Wir müssen China nicht fürchten, aber verstehen

Haben die Bewunderer Chinas recht oder die Hasser? Ein Stück weit beide: In China zählt die Nation alles und das Individuum nichts, was in komplettem Widerspruch steht zu unseren Werten und zu den Erkenntnissen der Wissenschaft. Ein wichtiger Faktor, ob ein Mensch zufrieden ist, liegt im Grad der Mitbestimmung. Menschen in Demokratien leben nachweislich glücklicher, und wer autoritäre Systeme preist, sehnt sich in Zeiten zurück, die wir zum Glück überwunden haben.

China zu verteufeln, ist jedoch ebenso falsch. Würde China morgen die Demokratie einführen – das Land würde zusammenkrachen. Da würde uns etwas mehr Pragmatismus guttun und die Einsicht, dass andere Kulturen anders funktionieren. Die chinesische Elite sieht es als Unfall der Geschichte an, dass ihre Nation derzeit nicht führend ist in Wirtschaft und Kultur, wie es jahrtausendelang der Fall war. Die Chinesen hegen keinen Zweifel, dass der alte Zustand eines Tages wieder hergestellt sein wird.

Uli Sigg, Ex-Botschafter in Peking und der beste China-Kenner in der Schweiz, sagte im «Montagsinterview»: «Wir müssen uns nicht vor China fürchten, aber wir müssen es verstehen.» Und, so könnte man ergänzen, gewisse Dinge lernen: etwa den Hunger nach Erfolg, den man spürt, wenn man in China mit Studenten spricht, oder das Denken in Dekaden statt in 4-Jahres-Wahlperioden, wie das bei unseren Politikern häufig der Fall ist.

Das Schlimmste, was passieren kann, ist ein auseinanderbrechendes China. 1,3 Milliarden Menschen in Not, Anarchie, Flüchtlingsströme – das hätte eine unvorstellbar grössere Dimension als das Drama, das sich bereits heute auf dem Mittelmeer und in Europa abspielt.