Wochenkommentar
Was von der Affäre um Geri Müller bleibt

Eine turbulente Woche mit täglich neuen Enthüllungen und Thesen zum Fall Geri Müller geht zu Ende. Ein kritischer Rückblick und die Frage, wie es mit Badens Stadtammann jetzt weitergeht.

Christian Dorer
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Im Scheinwerferlicht: Nationalrat und Badens Stadtammann Geri Müller.

Im Scheinwerferlicht: Nationalrat und Badens Stadtammann Geri Müller.

Christian Dorer, Chefredaktor der «Aargauer Zeitung»

Christian Dorer, Chefredaktor der «Aargauer Zeitung»

Aargauer Zeitung

So viel steht fest: Der Fall Geri Müller wird gleich mehrfach in die Geschichte eingehen. Zum einen als abschreckendes Lehrbeispiel für alle Politiker. Sie müssen sich bewusst sein, wie rasch sie sich mit einer Dummheit selber erledigen können – besonders dann, wenn sie diese Dummheit mit ihrem Handy für die Ewigkeit festhalten und weiterleiten. Zum anderen ist der Fall ein Lehrbeispiel für jede Journalistenschule, weil er die Frage aufwirft: Worüber müssen, worüber dürfen Medien berichten? Was ist öffentlich, was privat?

Die Nackt-Selfies im Büro des Stadtammanns

Diese Woche gab es täglich neue, oft nicht überprüfbare Vorwürfe und Gegenvorwürfe, mal gegen Geri Müller, mal gegen seine ehemalige Chat-Partnerin. Am Donnerstag verkündete die Grüne Partei reichlich naiv: «Fall abgeschlossen.» So einfach geht es natürlich nicht. Denn fest steht: Geri Müller hat in seinem Badener Stadtammann-Büro Nackt-Selfies geschossen, einen Sexchat geführt und dabei anzügliche Bemerkungen über seine Sekretärin gemacht – er würde sie fragen, «ob sie sich bedienen will», falls sie ins Büro träte.

Man muss nicht prüde sein, um die Frage zu stellen: Kann Müller nach diesem Vorfall sein Amt noch mit Autorität ausführen? Wie soll da das Verhältnis zu Sekretärinnen, Stadträtinnen und überhaupt allen weiblichen Stadtangestellten wieder normalisiert werden? Wollen die Badener einen Stadtammann, der sein Büro für intimste Vergnügungen nutzt? Nein, finden die drei bürgerlichen Ortsparteien. Sie fordern Müllers Rücktritt und begründen das so: «Er verletzt dadurch das Vertrauen der Bevölkerung und lässt jeden Respekt gegenüber der Würde des Amtes vermissen.»

Verschwörungen und Gegenverschwörung

Alle anderen Aspekte der Affäre sind auch am Tage sechs mehr oder weniger nebulös. Je mehr Details ans Licht kamen, desto stärker litt die Glaubwürdigkeit der Frau. Offenkundig hat sie über Monate jemanden gesucht, um «schwer belastendes Material gegen Geri Müller» loszuwerden, wie sie sich gegenüber FDP-Stadtrat Roger Huber ausgedrückt hatte, den sie Anfang Mai anrief. Das bedeutet natürlich nicht, dass deshalb alle Vorwürfe falsch sind. Es stellt sich aber die Frage: Was sind die Motive dieser Frau? Warum sagt sie ständig, sie wolle Geri Müller nicht schaden, unternimmt aber alles, um genau dies zu tun? Warum hat sie ihr Material nicht einfach gelöscht – oder dann Anzeige erstattet? Nicht geklärt ist aber auch jene politisch brisante Frage: Hat die Frau die ärgsten politischen Gegner Müllers angegangen – oder war es umgekehrt?

Auch die Medien müssen sich selbstkritisch hinterfragen

Aufgedeckt hat die Geschichte die «Schweiz am Sonntag» (die wie diese Zeitung zu AZ Medien gehört). Die Zeitung hat sich leiten lassen vom Grundsatz, all das publik zu machen, was mit Geri Müllers Amt zu tun hat. Und all das wegzulassen, was privat ist, also zum Beispiel alle Selfies, die im privaten Umfeld aufgenommen wurden – denn da darf in der Schweiz zum Glück jeder tun, was er will. Wenn Geri Müller nun das Private mit dem Amtlichen vermischt hat, dann hat er selber die öffentliche Relevanz geschaffen. Oder wie die «NZZ» in ihrem Kommentar treffend titelte: «Nicht überall ist Reeperbahn.» Dazu kommt: Wenn die Badener Stadtpolizei die Chat-Partnerin des Badener Stadtammanns in Gewahrsam nimmt, und dieser hat den Polizeieinsatz indirekt ausgelöst, dann ist es geradezu Pflicht einer Zeitung, in dieser Sache zu recherchieren.

Und trotzdem müssen auch wir Medien uns selbstkritisch hinterfragen. Ein Online-Portal machte die zuvor alterslose Frau plötzlich 21-jährig. Die ansonsten seriöse Nachrichtenagentur SDA übernahm die Zahl ungeprüft, und von dort landete sie schliesslich – Asche über unser Haupt! – auch in dieser Zeitung. Online herrschte fortan der Kampf um Klicks und damit der Kampf um Minuten zwischen den grossen Portalen. Als die Chat-Partnerin ein langes Mail mit Vorwürfen an Geri Müller verschickte, landete dieses bei vielen Medien sofort im Netz – ohne Prüfung, welche Teile von öffentlichem Interesse und welche privat sind. Im Print-Zeitalter hatte man immerhin bis Redaktionsschluss Zeit zum Nachdenken. Im Online-Zeitalter kann man ständig alles publizieren. Wir Medien aber müssen aufpassen, dass wir mit Geschwindigkeit nicht unsere Glaubwürdigkeit zerstören.

Wie es jetzt weitergeht

Alle stecken im Dilemma: Wer in der kommenden Zeit einen öffentlichen Auftritt mit Geri Müller geplant hat, hofft auf sein Fernbleiben, weil seine Affäre den Inhalt überschatten würde. Und auch wenn eines Tages Gras über die Sache gewachsen ist – diese Geschichte wird Geri Müller nie mehr los. Amt und Ansehen sind beschädigt, auch wenn er nach heutiger Kenntnis nichts Illegales getan hat.

Wenn sich Geri Müller uneigennützig fragt, was für Baden, den Aargau und seine Partei am besten ist, dann kann er nur zu einem Schluss kommen: Es geht nicht mehr. Trotz harter Konsequenzen – das Amt weg, der Lohn weg, die politische Karriere schwer beschädigt. Ein hoher Preis für eine Dummheit.