Euro 2016
Warum singen sie nicht?

Esther Girsberger
Esther Girsberger
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Mitsingen erlaubt: Die Schweizer vor dem Albanien-Spiel.

Mitsingen erlaubt: Die Schweizer vor dem Albanien-Spiel.

Keystone

Statistisch gesehen, bekommen die europäischen Nationalhymnen während Fussball-Europameisterschaften die höchste Aufmerksamkeit. Kaum jemand, der erst auf den Anpfiff das Fernsehgerät einschaltet. Schliesslich kann man die Physiognomie der Spieler nirgends so gut beobachten wie während der Nahaufnahmen beim Abspielen der Hymnen. Entsprechend deutlich fällt auf, welche Sportler mitsingen und welche nicht.

Am vergangenen Samstag bestritt die Schweizer Nationalmannschaft ihr erstes Spiel gegen Albanien. Während bei der albanischen Mannschaft alle, wirklich alle, mit Inbrunst mitsangen, blieben die Münder der Schweizer Spieler zu – mit Ausnahme derjenigen von Fabian Schär, Yann Sommer und Stephan Lichtsteiner, die zwar auch nicht mit dem gleichen offensichtlichen Patriotismus der Albaner, aber doch klar formulierend mit Überzeugung mitsangen.

Man muss kein Nationalkonservativer sein, um sich daran zu stören. Entscheidet man sich, unter der Schweizer Flagge zu spielen, gehört es zum guten Ton, dass man sich auch vor dem Spiel für die Schweiz einsetzt. Erst recht, wenn man so im Fokus steht. Bei allen bisherigen EM-Spielen standen die Spieler der anderen Nationen stramm und sangen mit zurückhaltender oder mit offener Begeisterung – man erinnere sich beispielsweise an den italienischen Torhüter Buffon. Nur die Schweizer Nati blieb stumm.

Zwar ist es einigermassen erklärbar, warum sie sich mit diesem wichtigen Ritual am Samstag so schwergetan hat: Nachdem etwa gleich viele Spieler mit schweizerischer Vergangenheit in der albanischen Nationalmannschaft mitspielen wie beim schweizerischen Pendant, will man nicht noch zusätzlich Öl ins Feuer giessen und hält sich auch singend zurück. Nur bleiben die Münder der Schweizer Spieler auch dann geschlossen, wenn sie gegen die Franzosen, die Italiener oder die Schweden spielen.

Der wahre Grund der stummen Spieler liegt wahrscheinlich anderswo: der Schweizer Psalm ist so unzeitgemäss und unzugänglich in Wort und Melodie, dass auch musikalisch Begabtere sich schwertun mit dem Mitsingen. Der Schweizerpsalm – schon die Bezeichnung lässt nationalreligiöse Überhöhung erahnen – ist seit 1961 die inoffizielle und seit 1981 die offizielle Landeshymne. In einem unsäglich langsamen Dreivierteltakt gehalten – und mit den Anfangsworten «Trittst im Morgenrot daher» auch textlich ein Ablöscher (erst recht bei einer Fussball-Meisterschaft) –, bedarf der «Psalm» dringend einer Revision. Das ist auch der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG) nicht entgangen. Während dreier Jahre rief sie dazu auf, sich am Wettbewerb beim Texten und Komponieren einer neuen Hymne zu beteiligen. Der Siegerbeitrag wurde im September 2015 gekürt.

Landesweit versucht die SGG seither, den neuen Vorschlag nun den Gemeinden, Schulen und Musikgruppen zugänglich zu machen. Sie wendet sich denn auch an alle möglichen Vereine im In- und Ausland mit der Bitte, bei einer geeigneten Gelegenheit – zum Beispiel bei den
1.-August-Feiern – die neue Hymne vortragen zu lassen. Erst wenn die Hymne in der Basis angekommen ist, will sie den Bundesrat auffordern, den parlamentarischen Prozess einzuleiten.

Angesichts des ausbleibenden Echos ist absehbar, dass der neue Hymnentext kaum die nötige Bekanntheit und Beliebtheit erlangen wird, damit sich auch das Parlament mit seinen kaum für eine Ablösung sprechenden Mehrheiten für die neue Version erwärmen kann. Eigentlich waren die Erwartungen der SGG noch höher geschraubt: «Wenn die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft an der EM in Frankreich auf dem Rasen steht, sind alle Schweizerinnen und Schweizer eingeladen, den neuen Hymne-Text zu singen, der die Werte der Schweizer Bundesverfassung wiedergibt», schreibt die SGG in der eigens für die neue Hymne kreierten Homepage selbstbewusst. Ein frommer Wunsch. Nicht nur wurde der neue Text nicht gesungen, es wurde – zumindest was die allseits sichtbaren Spieler anbelangt – gar nicht gesungen.

Vielleicht wäre es deshalb ehrlich und zielführender, sich – nicht nur fussballtechnisch – ein Beispiel an Spanien zu nehmen: Diese haben zwar eine Nationalhymne, aber keinen Text dazu. Dann würde nämlich wenigstens niemandem negativ auffallen, dass die Schweizer Nati den Text nicht kennt, ihn nicht mag oder sich einen Deut um die Hymne schert.

Die Autorin aus Zürich ist Publizistin, Moderatorin, Dozentin und Verfasserin mehrerer Bücher. Als Journalistin war sie unter anderem Chefredaktorin des «Tages-Anzeigers». Die ausgebildete Juristin (Dr. iur.) ist verheiratet und Mutter zweier Kinder. Sie ist Mitglied des Publizistischen Ausschusses der AZ Medien.