Bildung
Vorwurf Streber: Super Noten, Geschlecht und Unbeliebtheit haben sehr wohl miteinander zu tun

Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm schreibt in ihrer Kolumne über die Angst von guten Schülern, als Streber beleidigt zu werden. Der Vorwurf führe vor allem bei Knaben zu Problemen. Die Angst, als Streber zu gelten, sei in der Schweiz grösser als in anderen Ländern.

Margrit Stamm
Margrit Stamm
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Wenn gute Schüler als Streber hingestellt werden, beugen sie sich dem Druck vielfach.

Wenn gute Schüler als Streber hingestellt werden, beugen sie sich dem Druck vielfach.

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Es gibt Talente, die es in der Schule trotzdem schwer haben, vor allem dann, wenn sie männlich sind. Jeder kennt sie, lernbegierige Primarschüler, die Bestnoten schreiben. Manchmal sind sie hochbegabt, oft lediglich besonders gewissenhaft und ehrgeizig. In Mathematik oder Deutsch sind sie der Klasse voraus, und auch mit ihrem Wissen halten sie sich im Unterricht nicht zurück. Verhalten sie sich unauffällig, sind sie die Lieblinge der Lehrkräfte, und auch viele Eltern verknüpfen schon die Frühförderung mit dem Ziel, ein strebsames Kind zu erziehen, das einmal zur Leistungsspitze gehört.

Der Schein trügt. Es gibt einen deutlichen Zusammenhang zwischen sehr guten Noten, Geschlecht und Unbeliebtheit. Je besser die Leistung, desto stärker sitzt guten Schülern die Angst im Nacken, als Angeber oder Streber diffamiert zu werden. Im Unterschied zu den Mädchen ist das Wort «Streber» bei vielen Knaben negativ besetzt, und das war wohl schon immer so.

Es erstaunt deshalb kaum, dass sich viele sehr gute Schüler dem Druck zum Mittelmass beugen und ihre Noten im Verlaufe der Schulzeit sinken. Dies gibt deshalb zu denken, weil die Forschung zeigt, dass die Angst vor dem Strebervorwurf bei uns deutlich grösser ist als in anderen Ländern, wie etwa in den USA, in Israel oder Kanada, und dass dies vor allem ein männliches Problem ist. Einer der Gründe ist der Trend, dass Knaben hierzulande den Schulerfolg im Schnitt für weniger wichtig halten als Mädchen und sich seltener anstrengen. Viele finden Hochleistung in der Schule suspekt – nicht aber im Sport.

Spätestens in der Pubertät kommt es zu Neid und Missgunst

Noch im Kindergarten gilt ein lernbegieriges Kind als Ideal. Auch Lehrkräfte sparen nicht mit Lob und heben den ehrgeizigen Schüler als Vorbild für die Klasse hervor. Doch spätestens in der Pubertät kommt es zu Neid und Missgunst. Dann fangen Jugendliche an, ihre Rolle zu suchen und um Anerkennung zu werben. Zwar ist ein strebsamer Schüler in der Klasse integriert, wenn es noch andere dieser Art hat. Sind sie jedoch in der Minderheit und neben vielen Leistungsschwächeren die einzigen Herausragenden, wirken ihre Supernoten suspekt und führen ins Abseits. Sie werden schnell zur Zielscheibe von Häme und Spott, ganz besonders dann, wenn sie linkisch oder unsportlich sind.

In nicht wenigen Klassen herrscht ein «heimlicher Lehrplan», d.h. ein versteckter Codex dessen, was cool ist. Hat ein Schüler in Französisch eine Sechs, dann wird er nur anerkannt, wenn er dafür kaum etwas tun musste. Noch mehr Bewunderer bekommt er, wenn er sich als Klassenclown profilieren, die Lehrkräfte nerven, sein Fussballteam zum Sieg führen und als Erster die neuesten Yeezy-Adidas von Kanye West tragen kann. Doch ist die Französischnote durch intensives Lernen zustande gekommen, dann gilt er als Streber und als Aussenseiter.

Schlechte Noten werden bewusst einkalkuliert

Solche Schüler stecken in einem Dilemma. Entweder bleiben sie ihrem Ehrgeiz treu, doch dann müssen sie sich als Einzelgänger akzeptieren. Viele versuchen deshalb, ihren Status erträglicher zu machen. Sie helfen Klassenkameraden bei den Hausaufgaben, geben den aussichtslosen Fällen Nachhilfe oder lassen den Sitznachbar in Prüfungen abschreiben. Werden sie trotzdem nicht zur Teeny-Party eingeladen, kränkt sie dies enorm. Deshalb wählt etwa jeder Dritte den Weg ins Mittelmass. Aus Angst, ins Abseits zu geraten, vertuschen solche Jugendlichen ihren schulischen Ehrgeiz und versuchen, dem Mainstream zu folgen – mit der bewussten Einkalkulierung schlechter Noten. Aber auch wenn die Leistungen einbrechen, bleibt der Wunsch nach Klassenakzeptanz bestehen.

Damit diese Aussenseiter wieder zu ihrer Hochleistung zurückfinden, braucht es oft eine lange Durststrecke. Manchmal kommen sie erst in der Berufslehre oder am Gymnasium mit Gleichgesinnten zusammen. Und nicht immer können sie ihren Ehrgeiz wieder finden und ihren Habitus als Minderleister überwinden. Knaben mit guten Noten haben ein schwieriges Leben. Die in ihren Peer-Groups verbreitete Verliebtheit ins Mittelmass führt oft dazu, dass sie zu schlechten Schülern werden, nur um dem Aussenseiter-Image zu entfliehen. In dieser Problematik liegt wahrscheinlich ein bisher unberücksichtigtes Dilemma in der Diskussion um die Knaben als «den neuen Bildungsverlierern».