Kolumne
Vorsatz. Vorsatz. Vorsatz

Susanne Wille
Susanne Wille
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Susanne Wille: «Wir Journalistinnen und Journalisten müssen stärker erklären, was wir genau tun, um sorgfältig sein zu können. Wir müssen vermehrt einen Blick hinter die Kulissen gewähren.» (Archivbild)

Susanne Wille: «Wir Journalistinnen und Journalisten müssen stärker erklären, was wir genau tun, um sorgfältig sein zu können. Wir müssen vermehrt einen Blick hinter die Kulissen gewähren.» (Archivbild)

Chris Iseli

Was haben Fake News und die vielfach zitierte Journalismuskrise in meinem farbigen Buch zu suchen? In jenem Buch, das ein Sammelsurium meiner persönlichen Vorsätze ist? Wiederholen Sie mal laut dieses Wort: «Vorsatz. Vorsatz. Vorsatz.» Irgendetwas Rohes liegt in diesem Wort. Es deutet darauf hin, dass es in der Gegenwart nichts wert ist, weil ein Vorsatz erst wenn er im Verlauf der Zeit in die Tat umgesetzt, zu Gutem wird.

Und doch: Ich bin eine Anhängerin von Vorsätzen. Schreibe diese nieder — in eben diesem farbigen Buch — und weiss inzwischen auch geschickt, bei einigen Vorsätzen die Schwelle so unverschämt tief anzusetzen, dass sie sich mit Leichtigkeit umsetzen lassen. («Etwas Neues lernen», «Jemanden überraschen», «Einmal bei Sonnenaufgang schwimmen gehen») Und so ist denn die Bilanz am Ende des Jahres jeweils gar nicht mal so schlecht. Auch wenn ich mich hier selbstverständlich gnadenlos durchschaue.

Ordnungsansätze sind ein menschliches Grundbedürfnis

Aber diese Vorsatzlisten sind weit mehr als Ausdruck des Wunsches für stete Verbesserung. Mir dienen diese Vorsatzlisten auch als Ordnungsprinzip für ein immer länger werdendes Leben. Sie widerspiegeln, welche Gedanken ich mir in einem bestimmten Jahr machte. Solche Ordnungsansätze sind ja ein menschliches Grundbedürfnis – werden aber sehr individuell ausgestaltet.

Das können Fotos sein, die ein gewisses Lebensgefühl festhalten. Das kann eine Schachtel mit wichtigen Briefen sein. Oder nehmen wir Max Frisch. Er schaute in «Montauk» – zwar mit einer erfundenen Geschichte, aber autobiografisch geprägten Figuren – auf sein Leben zurück, und zwar entlang der Frauen, die er geliebt hatte. Thomas Gottschalk wiederum ordnete sein Leben «in Ermangelung anderer sinnvoller ‹Massstäbe›» entlang der christlichen Tugenden Glaube, Hoffnung, Liebe. Seine Lebensreise als Gewissensforschung, vielleicht als Kontrast zur als oberflächlich verschrienen Unterhaltungswelt. Der New Yorker Schriftsteller Paul Auster sortierte sein Leben im «Winterjournal» akribisch genau entlang der Orte, an denen er einst gewohnt hatte. Strassennamen als Erinnerungsmomente. Wer genau er wann mit wem war.

Ordnungsmöglichkeiten gibt es also viele. Mein Reisekompass sind nun mal die Vorsätze. Die Liste für das noch junge Jahr ist lang. Beruflich habe ich einen zentralen Vorsatz gefasst. Mich hat im vergangenen Jahr die Debatte über die Glaubwürdigkeitskrise der Medien beschäftigt. Falsche Meldungen etwa, die eiligst verbreitet und so verstärkt werden, machen unsere Gesellschaft kaputt.

Fake News schaden. Journalismus, der sich zu weit von den Problemen und Anliegen der Menschen entfernt, aber auch. Wie aber schützen wir den Journalismus als wichtiges Gut und wie bewahren wir dessen Kraft? Für mich heisst eine mögliche Antwort: mehr Transparenz. Zu lange haben wir Medienschaffende einfach geschrieben, gesendet, kommentiert, berichtet. Es schien zu genügen, der Arbeit sorgfältig, leidenschaftlich und unnachgiebig nachzukommen.

Doch das Publikum verlangt mehr. Selbstkontrolle reicht nicht mehr. Wir Journalistinnen und Journalisten müssen stärker erklären, was wir genau tun, um sorgfältig sein zu können. Wir müssen vermehrt einen Blick hinter die Kulissen gewähren. Wir müssen erklären, wie anspruchsvoll eine kluge Recherche ist, wie ein Interview zustande kommt, warum in gewissen Fällen die Anwälte schon beim Schneiden des Beitrages dabei sein müssen, was beim Drehen einer Reportage neben der Kamera passiert und warum. Wir müssen erklären, warum wir den Namen eines Attentäters nicht nennen, wie wir die Quellen einer Nachricht oder die Echtheit eines Bildes überprüfen oder aufzeigen, wie wir Ausgewogenheit definieren. Mehr «Making of» statt nur machen.

Mehr Transparenz auch im Medienschaffen

Kurz: Ich möchte zwischen dem, was nach aussen sichtbar wird und dem, was im Hintergrund bei der Produktion abläuft, mehr Durchlässigkeit herstellen. Wir Medienschaffenden haben (immer noch) eine hohe Deutungshoheit, also schulden wir mehr Einblick in unser Schaffen. Das alles sagt sich schnell und leicht. Mir ist klar, wie anspruchsvoll es ist, mitten im hektischen Tagesgeschäft oder Livestress das Versprechen einzulösen. Und dennoch will ich es versuchen. Deshalb schreib ich das ins farbige Buch. Und Sie, liebe Leserinnen und Leser, können mich während des kommenden Jahres darauf behaften. Ich selber werde dies auch tun. In diesem Sinne: Ihnen allen in gutes 2017.

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