Aperçu
Vor dem Fernseher wie Obdachlose

Markus Schönherr, Kapstadt
Markus Schönherr, Kapstadt
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Vergessen sind die Sommertage, an denen Touristen die Strände von Kapstadt bevölkern – es ist gerade bitterkalt an Afrikas Südspitze. (Archivbild)

Vergessen sind die Sommertage, an denen Touristen die Strände von Kapstadt bevölkern – es ist gerade bitterkalt an Afrikas Südspitze. (Archivbild)

a-z.ch News

Es ist kalt an Afrikas Südspitze. Bitterkalt. Vergessen sind die Sommertage, an denen Touristen die Innenstadt bevölkern, die Strandspaziergänge und die Cocktails. Kalte Regentage unter Palmen – für die meisten Kapstadt-Urlauber unvorstellbar. Wir Expatriates, die das ganze Jahr über hier sind, kennen aber auch die meteorologischen Schattenseiten unseres Gastlandes. Sonderbar ist der Winter in Kapstadt: keine Schneetage wie in Europa, aber auch keine milden Sonnentage wie weiter nördlich in Afrika. Eher etwas Unerträgliches dazwischen. Zumindest für verwöhnte Europäer.

Zur täglichen Morgenroutine gehört das Wischen der Fenster, an denen Kondenswasser-Bäche herablaufen. Anders als in Europa setzt man hier auf billige Einfachverglasung. Die meisten Südafrikaner verzichten aufs Heizen. Und sitzen etwa mit voller Wintermontur vor dem Fernseher.

Als ich nach einer Vier-Grad-Nacht zu Frau Doktor ging, dachte ich: «Nett, dass die Ärztin die Obdachlosen aufwärmen lässt.» Erst auf den zweiten Blick wurde klar: Das waren Frau Doktor und ihre Sprechstundenhilfe, die in Decken gehüllt mit Haube und Handschuhen dasassen. Im Behandlungsraum entschuldigte sie sich für die Kühlschranktemperaturen – und befahl: «Oberkörper freimachen».