Sprachriff
Vielfalt aushalten ist nicht einfach

Heimito Nollé
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«Die FDP muss ihre Vielfalt ins Schaufenster stellen», forderte kürzlich der Genfer Staatsrat und möglicherweise nächste Bundesrat Pierre Maudet.

«Die FDP muss ihre Vielfalt ins Schaufenster stellen», forderte kürzlich der Genfer Staatsrat und möglicherweise nächste Bundesrat Pierre Maudet.

URS FLUEELER

Vielfalt ist das Gebot der Stunde. Möglichst bunt, divers und heterogen soll es heute sein. Parteien und Unternehmen haben das längst begriffen. Wer als fortschrittlich gelten will, kommt ohne die Rhetorik der Diversität nicht mehr aus. «Die FDP muss ihre Vielfalt ins Schaufenster stellen», forderte kürzlich der Genfer Staatsrat und möglicherweise nächste Bundesrat Pierre Maudet. Aber auch die SP («Vielfalt ist unsere Stärke!») und die CVP («Einheit in der Vielfalt») kommen um die praktische Zauberformel nicht herum.

Wahrscheinlich ist es die inhaltliche Unbestimmtheit, die das Wort zur rhetorischen Allzweckwaffe macht. Denn was Vielfalt in der Praxis heisst, bleibt oft unklar. Paradoxerweise fiel zuletzt ein Konzern, der sich die Vielfalt besonders sichtbar auf die Fahnen geschrieben hat, durch Intoleranz gegenüber einem Andersdenken auf.

Was so leicht über die Lippen geht, muss in der Realität erst einmal ausgehalten werden. Echte Vielfalt impliziert auch Differenzen, die schmerzhaft sein können und unser Weltbild infrage stellen. Wo unbequeme Meinungen ausgeschlossen werden, erschöpft sich Vielfalt darin, immer nur Variationen des Eigenen zu spiegeln. Dann schafft sie sich selbst ab. Das Resultat ist im besten Fall ein Vielfaltsbrei.