Weinstein-Affäre
Verliert Macht für Männer ihren Sinn?

Die Affäre um Film-Produzent Harvey Weinstein hält Hollywood in Atem. Der Kommentar.

Max Dohner
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Harvey Weinstein: Konfrontiet mit Sex-Vorwürfen. (Archiv)

Harvey Weinstein: Konfrontiet mit Sex-Vorwürfen. (Archiv)

Keystone/AP/JOHN CARUCCI

Seit Jahren schon war das Eis dünn gewesen. Aber jetzt ist gleich die ganze Seedecke eingebrochen. Im Lauf weniger Tage hat Harvey Weinstein, Hollywoods erfolgreicher Filmproduzent, seine Frau, seinen Job und die meisten Freunde verloren. Weinsteins Gesicht mit Kinnschmer und Bartstoppeln wandelte sich über Nacht zur Paradefresse des nicht zivilisierbaren, sexuellen Tiers. Davon wird sich der Mann nie mehr erholen. Visage, Schweinehund und Name – mehr Stigma weltweit kann es gar nicht geben als durch das Verdampfen dieser drei Male zu einer einzigen Chiffre im Kopf jedes Menschen.

Das Mitleid mit dem Mann hält sich in Grenzen. Auch wenn man sich gleichzeitig wundern darf, dass ein Attribut wie «mutmasslich», sonst allzeit präsent bei Angeklagten, in Weinsteins Fall plötzlich fehlt. Die «öffentliche Meinung» scheint sich hier eigentümlich rasch die Hände darüber zu reiben, jemanden in den Orkus zu schmeissen, lange vor dem ersten Wank der Justiz. Wir werden den Teufel tun und uns, in einer Art Justiz-Travestie, ein Urteil anmassen. Beschäftigen soll man sich aber unbedingt mit dem Fall: Er ist traumatisch für die Opfer, banal in seinem Kern und hoch interessant als Signal.

In Europa kann man immerhin versuchen, das Redliche und Gebotene zu tun, nämlich Dinge zu prüfen und zu klären. In den USA schnappen beim Fanal «sexueller Übergriff» alle nach Luft. In der Regel führt das dann auch dem Hirn weniger Sauerstoff zu. Der Genderrigor, der amerikanische Universitäten ergriffen hat, bestimmte bald auch den Stil der Politarena, zumindest äusserlich. Nicht überraschend breitet er sich jetzt weiter aus in der Welt des Films, der Kultur.

Die Entwicklung war nötig, sie ist irreversibel und dürfte sich noch verstärken, auch in Europa. Man wird eines Tages genau wissen, wo der Zuwachs an Gender-Gerechtigkeit viel zum Blühen brachte und welche Zonen verkümmern, die mal blühend und vergnüglich schienen. Wenn Macht leicht zu Sex kommt, wie Donald Trump behauptet – «Bist du ein Star, lassen sie dich alles machen» –, dann wäre es höchste Zeit, solche Einbildung zu brechen. Vor hundert Jahren schon wäre es Zeit gewesen, am Ausgang der Bourgeoisie. Dann wären uns auch Weinstein-Klone erspart geblieben wie Frankreichs «Animal politique», Dominique Strauss-Kahn. Und der diskrete Charme seiner Gattin, die den Fehltritt des Alten damit abtat, er habe doch nur eine Bedienstete angefallen.

Harvey Weinstein war nicht bloss ein «Star» im Trump’schen Sinn, er war das Triple davon. Schliesslich verschmelzen im Typ Filmmogul drei Sphären in eine: Macht, Geld und Glamour. Es sind Traumfabrik-Sultane, die ihren Harem nicht mal einzusperren brauchen. Gern gesehene Gäste an Filmfestivals wie Zürich, vor allem, wenn sie gute Filme ermöglichen wie Weinstein, Gesellschaftslöwen an Sponsorenpartys, liberale Schnorrer im Weissen Haus. Casual gekleidete Paten of the Universe. Am Bild des Sultans, dem alle Debütantinnen der Welt pausenlos zukriechen, malte Hollywood gern mit. In einer typischen Szene aus eigener Küche treffen sich Produzenten, Drehbuchautoren, Filmsternchen zum Lunch. Eine neue Schauspielerin übergibt dem Produzenten den Empfehlungsbrief eines bekannten Regisseurs. Darin preist der Mann tatsächlich ihre Begabung, beiläufig auch ihr Talent im Bett. Der Produzent hebt die Brauen, ein Autor flüstert ihm zu: «Und wenn man bedenkt, dass die Kleine den Brief auch noch selber verfasst hat ...»

Kurz und bündig – um die Affäre Weinstein rankt sich wieder ein unglaubliches Geflecht von Angst, Omertà und Heuchelei. Seit Jahrzehnten begleiten ihn böse Gerüchte. Die «New York Times», die jetzt die Sache öffentlich machte, erhielt offenbar vor dreizehn Jahren erstmals einen Tipp. Vor vier Jahren riss der Schauspieler Seth MacFarlane öffentlich Witze über Weinsteins Gier. Warum reden Schauspielerinnen wie Angelina Jolie erst jetzt davon? Die Angst knebelt manchen Mund; das weiss die Traumaforschung. Jolie aber gab im Leben und Film immer die unerschrockene Kämpferin – warum bei Weinstein nicht? Vor fünfzig Jahren bereits – so liest man bei Joyce Carol Oates, der feministischen Autorin – erlebten Starlets wie Norma Jean Baker unbeschreibliche Demütigungen durch Film-Machos auf dem Weg zur Marilyn Monroe. Und danach durch Lichtgestalten der Politik wie John F. Kennedy, um kein Grad galanter als Weinstein. Damals war das niemandem eine fette Zeile wert.

Jetzt ist alles anders; dass es anders ist, ist gut. Männer treiben sich zur Macht, so geht küchenpsychologisch die Sage, weil sie es dann wilder treiben können als der Rest – geschenkt. Wenn jetzt aber überall Moral-Talibane in den Machtetagen stehen, dann funktioniert das ja nicht mehr. Männer triebe es dann womöglich gar nicht mehr zu herausragenden Leistungen. Das Machtvakuum wäre frei für Frauen. Wer ein solches Szenario fürchtet, verkennt, dass Frauen längst ganze Kontinente zusammenhalten. Die Welt geriete nicht aus den Fugen, im Gegenteil. Und das Beste dran: Endlich würde die Liebe frei für den Traum. Liebe ohne materielles Kalkül, fast wieder wie bei Adam und Eva, ehe wir vertrieben wurden – nach Hollywood.

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