Kommentar
Verliert der Westen die Türkei?

Noch in der Putschnacht rief Kreml-Chef Putin den türkischen Präsidenten Erdogan an und sicherte ihm Russlands Unterstützung zu. Es zeigt sich: Der Westen droht die Türkei zu verlieren. Ein Kommentar von Gerd Höhler.

Gerd Höhler, Ankara
Gerd Höhler, Ankara
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Sie mögen sich wieder – der türkische Präsident Erdogan und Kreml-Chef Putin

Sie mögen sich wieder – der türkische Präsident Erdogan und Kreml-Chef Putin

KEYSTONE/AP POOL SPUTNIK KREMLIN/ALEXEI NIKOLSKY

Der amerikanische Vizepräsident Joe Biden wird viele Papiere studiert haben, bevor er gestern in der türkischen Hauptstadt Ankara aus dem Flugzeug stieg. Aber erst in den Gesprächen mit Premierminister Binali Yildirim und Staatschef Recep Tayyip Erdogan dürfte ihm klar geworden sein, wie ernst es der Türkei mit der Forderung nach einer Auslieferung des in den USA
lebenden Predigers Fethullah Gülen ist, den Erdogan für den gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli verantwortlich macht.

Auch wenn Gülens Rolle undurchsichtig bleibt, so mehren sich doch die Anhaltspunkte für eine Beteiligung von Gülen-Anhängern an den Putsch-Plänen. Die Causa Gülen wird nicht nur zu einer immer grösseren Belastung für das Verhältnis der Türkei zu den USA. Ein dunkler Schatten fällt auch auf die Beziehungen zu Europa.

In der Türkei ist der Eindruck entstanden, als sei die Empörung des Westens über Erdogans «Säuberungen» grösser als das Entsetzen über den Putschversuch, bei dem fast 300 Menschen ihr Leben verloren. Auch die Zivilcourage der Bürger – keineswegs nur Erdogan-Anhänger –, die sich unter Einsatz ihres Lebens den Panzern in den Weg stellten und damit den Umsturzversuch vereitelten, sei von den ausländischen Partnern nicht angemessen gewürdigt worden, heisst es.

Die Kritik ist nicht unberechtigt. Noch in der Putschnacht rief Kreml-Chef Wladimir Putin bei Erdogan an und sicherte ihm die Unterstützung Russlands zu. Jetzt sprechen Erdogan und Putin über eine militärische Zusammenarbeit. Verliert der Westen die Türkei? Richtig ist: Für Europa und die USA ist das Land als Stabilitätsanker an der Schwelle zum chaotischen Nahen Osten jetzt wichtiger denn je. Richtig ist aber auch: Diese Rolle kann die Türkei nur wahrnehmen, wenn sie ihre demokratischen Institutionen stärkt und ihre innere Zerrissenheit überwindet. Darauf muss Staatschef Erdogan hinarbeiten. Denn nicht nur der Westen braucht die Türkei – sondern auch umgekehrt.

ausland@azmedien.ch