Wochenkommentar
Unter seinesgleichen

In seinem Wochenkommentar schreibt «Schweiz am Wochenende»- und «Die Nordwestschweiz»-Chefredaktor Patrik Müller über den Graben zwischen Akademikern und Nicht-Akademikern.

Patrik Müller
Patrik Müller
Drucken
Teilen
Patrik Müller: «Dass Akademiker und Nicht-Akademiker die Welt bisweilen anders sehen, ist an sich kein Grund zur Sorge. Problematisch wird es aber, wenn sie den Kontakt zueinander verlieren.» (Symbolbild)

Patrik Müller: «Dass Akademiker und Nicht-Akademiker die Welt bisweilen anders sehen, ist an sich kein Grund zur Sorge. Problematisch wird es aber, wenn sie den Kontakt zueinander verlieren.» (Symbolbild)

Keystone

Louise Richardson ist eine hochdekorierte Historikerin und Politikwissenschafterin. Als erste Frau wurde sie zur Rektorin der britischen Elite-Universität Oxford gewählt. Als wir sie kürzlich zum Interview trafen, wusste sie auf jede Frage eine wortreiche Antwort.

Mit einer Ausnahme: Angesprochen auf die Gründe für das Brexit-Votum und die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten, zögerte Richardson. Dann sagte sie, sie habe nie mit diesen Volksentscheiden gerechnet. An den Universitäten sei die Stimmung völlig falsch eingeschätzt worden: «Wir waren so sehr damit beschäftigt, mit Gleichgesinnten zu sprechen, dass wir übersehen haben, was an der Basis passiert.»

Es waren die Leute ohne Hochschulabschluss, die den Ausschlag dafür gaben, dass Grossbritannien aus der EU austritt und Trump nun im Weissen Haus sitzt. Darum ist der Büezer zum Studienobjekt geworden. Wissenschafter mühen sich an dieser Spezies ab, die sie in ihrem Alltag offenbar kaum antreffen. Oxford-Rektorin Richardson kam zum Schluss: «Wir werden Generationen brauchen, um die Wahl Donald Trumps zu verstehen.»

Der Graben zwischen Bildungselite und Volk ist in der angelsächsischen Welt zum grossen Thema geworden. In der Schweiz war bislang von anderen Klüften die Rede. Vom Röstigraben, der 1992, bei der Abstimmung über den Europäischen Wirtschaftsraum, das Land entlang der Sprachgrenze spaltete. Vom Graben zwischen Stadt und Land, der wiederholt zum Vorschein kam, zuletzt bei der Masseneinwanderungsinitiative. Oder vom Generationengraben, den Politologen bei der bevorstehenden Abstimmung über die Altersreform vermuten.

Urbane Filter-Blasen

Diese Gräben gibt es, doch vieles deutet darauf hin, dass auch hierzulande der Bildungsgraben der tiefste ist: Das Abstimmungsverhalten unterscheidet sich in kaum einem Kriterium so stark wie beim Bildungsgrad. Ebenso das Wahlverhalten. Eine Auswertung der jüngsten Aargauer Kantonswahlen zeigt riesige Unterschiede zwischen den Parteien. Ein Grossteil der Bürger mit beruflichen Abschlüssen wählt SVP, während Hochschulabsolventen SP und FDP bevorzugen.

Dass Akademiker und Nicht-Akademiker die Welt bisweilen anders sehen, weil sie teilweise auch andere Interessen haben, ist an sich kein Grund zur Sorge. Problematisch wird es aber, wenn sie den Kontakt zueinander verlieren. Die Schweizer Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie hochintegriert ist. Bei uns ist es normal, dass der Metzger und der Anwalt im gleichen Sportverein turnen und die Verkäuferin und die Ärztin im selben Tram zur Arbeit fahren.

Doch mehr und mehr, so scheint es, bewegen sie sich in Filter-Blasen. Am deutlichsten erkennt man das an der Akademisierung der Städte: Studierte ziehen in die grossen Zentren, in Zürich verfügt mittlerweile fast jeder zweite Einwohner über einen Hochschulabschluss. Man ist unter seinesgleichen und wählt im Zweifelsfall, wie der Nachbar, rot-grün. Derweil auf dem Land und in den Agglomerationen, wo der Akademikeranteil auf tiefem Niveau stagniert, die SVP dominiert. Der viel zitierte Stadt-Land-Graben, der sich in der Politik auftut, ist letztlich ein Bildungsgraben.

Was tun, um zu verhindern, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt leidet? In den Elfenbeintürmen amerikanischer und britischer Universitäten sieht man die Lösung darin, mehr junge Menschen durch die Hochschulen zu schleusen – weil sie dann angeblich weniger anfällig für «Populismus» seien.

Zumindest für die Schweiz wäre das ein Irrweg. Hier ist der Akademiker-Anteil an der Bevölkerung tiefer als in den meisten anderen Ländern, und doch sind die Volksentscheide oft sehr weise; jedenfalls ist die Schweiz auf lange Sicht gut damit gefahren. Das duale System mit einer starken Berufsbildung ist entscheidend dafür, dass die Arbeitslosigkeit, auch unter Jugendlichen, so tief und die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Schweiz weltweit spitze ist.

Die beste Ausbildung ist eben nicht immer ein Universitätsstudium. Zur Elite kann man – ein helvetisches Unikum – genauso gut gehören, wenn man den nichtakademischen Weg eingeschlagen hat. Das gilt sogar in der Hochfinanz, wie die Karriere von UBS-Chef Sergio Ermotti beweist.

Wertschätzung für Berufsbildung

Eine bildungsmässig integrierte Gesellschaft erfordert nicht unbedingt steigende Maturaquoten – zumindest nicht in den Städten, wo sie schon hoch sind. Entscheidend ist ein hervorragendes und durchlässiges Schulsystem, das den Kindern und Jugendlichen die Chance gibt, den für sie besten Weg einzuschlagen.

Und es braucht Wertschätzung für die Berufsbildung, auch in den internationalen Konzernen in der Schweiz, die von einer US-Mentalität geprägt sind. Den Managern muss man erklären, dass Trump bei uns keine Wahlchance hätte – in einem Land, wo der Anteil der Hochschulabsolventen tiefer ist als in den USA.

Aktuelle Nachrichten