Kolumne
Und sie wiederholt sich nicht

Thomas Straubhaar ist Professor an der Universität Hamburg, mit einem Lehrstuhl für Internationale Wirtschaftsbeziehungen. 2008 bis 2011 gehörte er dem Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration an. Eine Kolumne zur Geschichte und ihrer Brotlosigkeit und schlechten Berufsaussichten.

Thomas Straubhaar
Thomas Straubhaar
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Das Geschichtsstudium gilt im Gegensatz zu Wirtschafts- und Jusstudiengängen als brotlos. Symbolbild/az-Archiv

Das Geschichtsstudium gilt im Gegensatz zu Wirtschafts- und Jusstudiengängen als brotlos. Symbolbild/az-Archiv

Limmattaler Zeitung

Geschichte war mein Lieblingsfach. Nur Sport mochte ich mehr. «Krieg und Frieden» oder «Aufstieg und Fall der grossen Mächte» weckten durchaus mein Interesse. Mit älteren Lehrern hitzig darüber zu streiten, ob jetzt Kapitalismus oder Kommunismus zu mehr Wohlstand und Gerechtigkeit führe, war im Nachgang zu den 1968er-Protesten alles andere als langweilig. Deshalb fand «Geschichte» meine volle Zuneigung – «Wirtschaft» wurde ja damals noch nicht als eigenständiges Fach unterrichtet.

Ohne die eindringliche Warnung eines klugen Studienberaters über die «Brotlosigkeit» und schlechten Berufsaussichten gewisser Abschlüsse hätte ich an der Universität Bern «Geschichte» und nicht «Volkswirtschaftslehre» studiert. So, wie ich es dann als Postdoc in Kalifornien nachholte und von Historikern lernte, wie man aus der statistischen Analyse ganz langer Datenreihen aus dem Mittelalter bis heute unglaublich viele Zusammenhänge von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft aufdecken kann.

Es ist also nicht so, dass ich heute aus purer Bosheit der «Geschichte» als «Lehrmeisterin für die Zukunft» die so wichtige Rolle abspreche, an die ich selber jahrzehntelang glaubte. «Geschichte» hilft, zu verstehen, was war. Sie ist aber immer weniger in der Lage, vorauszusagen, was sein wird. Deshalb werde ich zunehmend zum Kritiker einer Geschichtsgläubigkeit. Zu oft wird der Erkenntnisgewinn aus der «Geschichte» überschätzt. Zu häufig wird er von Interessenvertretern instrumentalisiert und manchmal auch missbraucht, um mit Verweis auf die Vergangenheit eigenes Tun zu rechtfertigen.

Noch bin ich nicht so weit, der «Geschichte» abzusprechen, dass sie von fundamentaler Bedeutung für das Erkennen der Gegenwart ist. Die damit zum Ausdruck gebrachte Kausalität finde ich unverändert zutreffend. Daraus aber zu schliessen, dass «nur wer die Vergangenheit kennt, eine Zukunft hat», halte ich jedoch für einen kapitalen Fehler.

Aus der Vergangenheit wird man immer weniger verlässlich erkennen können, wie die Zukunft werden wird. Das war nicht immer so. Früher war die Vergangenheit eine durchaus brauchbare Quelle von Erfahrungen, die sich in mehr oder weniger ähnlicher Form wiederholten. Solange der Wandel langsam, kontinuierlich und ohne Richtungswechsel erfolgte, haben sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur geringfügig unterschieden. Also haben sich ohne viel Streuverluste Trends aus der Vergangenheit mit hoher Verlässlichkeit in die Zukunft extrapolieren lassen. Und selbst, wenn etwas komplett Neues dazukam, blieb das grosse Ganze stabil. So konnten die künftigen Folgen von Veränderungen einigermassen valide abgeschätzt werden.

Was aber, wenn der Wandel rasend schnell erfolgt, nichts und niemanden verschont und vor allem Brüche und vollständige Neuausrichtungen verursacht? Wenn Ehen nicht durch den Tod, sondern vom Scheidungsrichter getrennt werden und Familien auseinanderbrechen? Wenn Firmen nicht ein paar Beschäftigte neu einstellen oder entlassen, sondern die gesamte Produktion komplett aufgeben oder ins Ausland verlagern? Wenn der Pöstler nicht vom Velo aufs Auto umsteigt, sondern überhaupt nicht mehr gebraucht wird, weil Briefe elektronisch verschickt werden? Wenn nicht mehr Menschen, sondern Roboter und nicht mehr menschliche, sondern künstliche Intelligenz das Sozialprodukt erwirtschaftet? Dann wird Vergangenheit nicht mehr zu einem Vorläufer der Zukunft. Dann wird sich «Geschichte» nicht wiederholen. Dann helfen alte Weisheiten nicht weiter. Sie führen in die Irre.

Im Zeitalter der Digitalisierung mit ihren disruptiven Entwicklungen bietet «Geschichte» keine brauchbare Orientierungshilfe, um zu erkennen, wohin die Reise künftig gehen wird. Die Welt von morgen wird mit der Welt von heute wenig bis nichts mehr zu tun haben. Zu viele Dinge ändern sich im Laufe der Zeit so stark, dass die Zusammenhänge zwischen ihnen völlig anders werden, als es momentan oder in der Vergangenheit der Fall war. Deshalb lassen sich bis anhin gültige Erkenntnisse und Kausalitäten nicht in die Zukunft des 21. Jahrhunderts extrapolieren. Vermeintlich sichere Prognosen erweisen sich zunehmend als reine Spekulation. Damit aber verliert meine neue Liebe, die angewandte Wirtschaftswissenschaft, ihren Kompass. Sie stochert dann nur noch im Nebel der Unsicherheit.