Euro
Und es gibt zwei, drei, viele Währungen

In seinem Gastkommentar schreibt Publizist, Buchautor und Kommunikationsberater René Zeyer über die Frage, wie sich der Euro beerdigen lässt.

René Zeyer
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Denken wir das angeblich Undenkbare: Wie genau würde der Ersatz des Euro durch Nationalwährungen vonstattengehen? (Symbolbild)

Denken wir das angeblich Undenkbare: Wie genau würde der Ersatz des Euro durch Nationalwährungen vonstattengehen? (Symbolbild)

KEYSTONE/AP/MICHAEL PROBST

Die Eurokraten machen es sich wie immer einfach: Zum Euro gebe es keine Alternative, dekretieren sie. Scheitert der Euro, scheitere Europa, behauptet die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. Also Euro oder Weltuntergang, so einfach ist das Weltbild von allen gestrickt, die das Festhalten an einem Prinzip über die Kenntnisnahme der Realität setzen.

Die Realität ist: Der Euro ist eine aus politischen Gründen gewollte Fehlkonstruktion. Sie könnte nur durch eine Schuldenunion in Form eines europäischen Bundesstaates unter deutscher Führung repariert werden. Also gar nicht. Und was nicht funktioniert, nicht repariert werden kann, ist zum Untergang verurteilt. Früher oder später, wobei früher besser ist.

Denken wir das angeblich Undenkbare: Wie genau würde der Ersatz des Euro durch Nationalwährungen vonstattengehen? Nehmen wir der Einfachheit halber zudem an, dass es keine verkleinerten Eurozonen, verschiedene Eurozonen oder parallele Schuldscheinwährungen gibt, sondern einfach wieder D-Mark, Franc, Lira, Peseta usw.

Die Eurokraten tun so, als sei diese Währungsumwandlung ein Ding der Unmöglichkeit; es breche Chaos aus, der Strom komme nicht mehr aus der Steckdose, die Regale in den Läden leerten sich, vielleicht komme es sogar zu Faustrecht und Bürgerkrieg, die Sonne gehe nicht mehr auf. Gemach, eine solche Umwandlung ist machbar, wurde in der europäischen Geschichte schon unzählige Male durchgeführt, allein in Deutschland im letzten Jahrhundert zwei Mal. Nach dem letzten verlorenen Krieg schloss sich ein Wirtschaftswunder an.

Nehmen wir als zurzeit naheliegendes Beispiel Italien. Eine Währungsumwandlung muss schlagartig vonstattengehen. Dazu muss staatlich ein Wechselkurs vom alten Euro zur neuen Lira festgelegt werden. Um Spekulationen zu vermeiden, braucht es zudem für eine Übergangszeit Preiskontrollen, bis sich die Kaufkraft der neuen Lira eingependelt hat. Also der Aufwand, den ein Italiener betreiben muss, um eine Lira zu verdienen, in einem vernünftigen Verhältnis dazu steht, was er sich damit kaufen kann.

Ist es logistisch zu aufwendig oder bestehen Zweifel, dass diese Umwandlung zu einem Stichtag, am besten übers Wochenende, inklusive Antransport neuer Geldscheine durchgeführt werden kann, können einfach die alten Euronoten gestempelt werden. Bis man sie dann durch neue Liranoten ersetzt. Also am Freitag wurde noch mit Euro bezahlt, übers Wochenende gibt es Obergrenzen beim Abheben, und ab Montag gilt die Lira.

Innerhalb Italiens entstehen dadurch kaum Probleme, wenn ein Konsumgut vorher einen Euro kostete und neu 100 Lire, dann besteht ein Wechselkurs, der nötigenfalls auch staatlich festgelegt und kontrolliert werden kann. Im Prinzip spielt sich ja nur rückwärts das ab, was bei der Einführung des Euro im Jahre 2002 geschah. Wer ein Guthaben von 10 000 Euro auf einer italienischen Bank hat, besitzt neu 1 Million Lire.

Etwas komplizierter wird es bezüglich Fremdwährungen und Schulden oder Eigentum in ausländischen Währungen. Denn auch hier muss ja ein Wechselkurs festgelegt werden, zu den anderen neuen Währungen und zu verbleibenden Währungen wie US-Dollar oder Franken. Dafür braucht es eine staatliche Devisenkontrolle, was in der heutigen digitalisierten Welt überhaupt kein Problem darstellt.

Gibt es also gar keine schlechten Nachrichten bei einer Rückkehr zu Nationalwährungen? Doch, denn das muss gleichzeitig für einen massiven Schuldenschnitt genutzt werden. Es macht ja beispielsweise im Falle Italiens keinen Sinn, wenn der Staat auch in der neuen Währung weiterhin mit über 130 Prozent des Bruttoinlandprodukts verschuldet ist.

Hier werden Anleger und Gläubiger kräftig bluten, über den gesamten Euroraum gesehen, muss ein solcher Schuldenschnitt mindestens 1000 Milliarden Euro umfassen. Das ist bitter für die Geldgeber, aber es erinnert sie daran, dass es eben keine garantierte und sichere Geldanlage gibt, sondern der Ertrag immer eine Risikoprämie darstellt, die den möglichen Totalverlust versüsst. Und natürlich wird es da und dort zu Chaos, Unsicherheiten, Spekulationen, Unschönheiten kommen. So werden zum Beispiel die deutschen Steuerzahler kräftig fluchen, weil sie als Garanten italienischer Schuldpapiere zur Kasse gebeten werden.

Aber dem stehen jede Menge gute Nachrichten gegenüber. Italien ist wieder Herr der eigenen Währung, Schuldzinsen spiegeln wieder das wahre Risiko einer Geldanlage wider, Importe und Exporte können über den Wechselkurs adjustiert werden, niemand kann dem italienischen Bürger oder dem italienischen Staat reinreden, wie die Fiskal-, Finanz- und Wirtschaftspolitik gestaltet wird.

Statt Stagnation und Misere hätte Italien eine gute Chance, mittels Konjunkturaufschwung zu neuer Blüte zu kommen. Es würden in Italien schlichtweg Schweizer Verhältnisse herrschen. Also zumindest, was die Währung betrifft. Und das, liebe ragazzi e ragazze, wäre doch wirklich eine sehr gute Nachricht.

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