Kolumne
Unbelehrbare Füdlibürger

Kolumne zum Umgang mit links-grünen, weltoffenen, aber psychorigiden Mitmenschen.

Peter Rothenbühler
Peter Rothenbühler
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Der Wirt des beliebten Restaurants «Le Milan» im BoBo-Quartier Sous-Gare von Lausanne hat einen Skandal ausgelöst. BoBo heisst übrigens Bourgeois-Bohème. Das ist diese Schicht eher begüterter, eher gebildeter Mittelklasseleute, die sich äusserst umweltfreundlich, lässig, eher links und kultiviert geben und die BoBo-Kinder in teuren Veloanhängern an teuren Elektrovelos durch die Stadt fahren. Ich nenne sie die neuen Füdlibürger, aber davon später.

Der Wirt vom «Milan» also, einem Lokal, das eine ansprechende mediterrane Küche pflegt und Pizzas bäckt, hat auf seinem Facebook- Profil geschrieben, er habe es satt, abends Familien mit Kindern unter vier Jahren zu bedienen. Mit Kindern also, die laut schreiend durchs Lokal rennen, andere Gäste belästigen, Gläser zerschlagen, das Servierpersonal zum Umfallen bringen und auf Stofftischtücher zeichnen, während die Eltern mit dem Handy telefonieren und sich keinen Deut um ihren Nachwuchs kümmern. Natürlich ist das Restaurant Milan «der» In-Spunten der BoBos mit ihren Goofen im Veloanhänger. Und natürlich hat der Facebook-Eintrag von Daniel Grangier, einem netten Mittvierziger, dem man den Patron ansieht (er ist freundlich und bestimmt, stämmig und furchtlos), für einen riesigen Wirbel gesorgt. Zumal er gleich noch angekündigt hat, er werde künftig abends keine Familien mit Kindern unter vier Jahren mehr bedienen. Weil sie nerven. Ihn und die andern Gäste.

Nichts gegen Kinder

Zwar hat Daniel Grangier präzisiert, er habe nichts gegen Kinder. Er serviere sogar einen Kinderteller für vier Franken. Und dass Kinder am Mittag etwas aufgedreht sind, verstehe er gut. Er habe nur etwas gegen nachlässige Eltern, die ihre Sprösslinge abends nicht disziplinieren wollten oder – noch schlimmer – könnten. Sein Facebook-Text wurde sofort berühmt, 1,5 Millionen mal geteilt, die Presse aus ganz Europa berichtete über den schrecklichen, kinderfeindlichen Wirt, selbst «Le Monde» aus Paris wollte wissen, ob er noch alle Tassen im Schrank habe. Die Gewerbepolizei machte natürlich Grangier darauf aufmerksam, dass er das Gesetz verletzt, wenn er solche diskriminierende Massnahmen treffe.

Einen solchen Wirbel hat Daniel Grangier nicht erwartet. Trösten kann er sich mit den vielen positiven Reaktionen, von andern Wirten und vielen Kunden: endlich mal einer, der es wagt, diese nachlässigen Eltern zu kritisieren. Was tun? Er will mal schauen, ob die Kundschaft nach der grossen Publizität selbst für Ordnung sorgt oder ob er sich wieder unbeliebt machen muss. Seine Erfahrung zeigt nämlich, dass gerade Eltern aus dem BoBo-Quartier sich nicht gerne an ihre Erziehungspflichten erinnern lassen. Sie sind zwar mehrheitlich grün, links und «weltoffen», aber auch psychorigid. Grangiers Fazit: «Ich bin in der Klemme. Wenn ich eine Bemerkung mache, werde ich von den Eltern beschimpft, wenn ich nichts mache, kriege ich Reklamationen von den Gästen, die sich gestört fühlen.»

Eigentlich völlig normal

Darum bleibt er dabei: wenn Eltern mit kleinen Kindern ins Restaurant gehen, sollten sie auch zu ihnen schauen und dafür sorgen, dass sie weder den Betrieb noch die andern Gäste stören. Eigentlich völlig normal, was der Mann sagt. Denkt man. Aber eben. Wir leben zunehmend in einer Welt von Mitbürgern, die sich dadurch auszeichnen, dass sie ihren Lebensstil für das Allergrösste und Überlegendste halten, auch wenn er gegen die Regeln des guten Anstandes oder gar einschlägige Gesetze verstösst und sie damit andere Menschen stören. Es ist ihnen schnurzegal. Ihre privaten Manieren gehen vor, und für alle andern haben sie gewisse Verachtung.

Das nenne ich den modernen, unbelehrbaren Füdlibürger, der sich dadurch auszeichnet, dass er sich in seine eigene Privatheit zurückzieht und darum einen hohen – imaginären – Zaun zieht. Dazu gehören alle Radfahrer, die sich nicht an die Verkehrsregeln halten und dich anschnauzen, wenn Du hoppla sagst, nachdem sie dich auf dem Trottoir fast überfahren haben. Dazu gehörten früher viele Hundebesitzer, die ihre Tiere nicht zurückpfiffen, wenn sie auf dich zurannten und «nur spielen» wollten. Dazu gehören alle jungen Bünzlis, die im Zug laut telefonieren oder – noch schlimmer – so laut Musik hören, dass der ganze Wagen Zimzimzim macht.

Dazu gehören natürlich auch die jungen Männer mit Migrationshintergrund, die finden, der übertriebene Lärm ihres Occasion- Sportwagens mit Spezialauspuff gehe nur sie etwas an. Kaum angekommen, schon rasende Füdlibürger. Von den Veganern mit ihrer moralischen Überlegenheitsmimik will ich hier gar nicht erst schreiben ...

Der Autor, Journalist und Editorial Designer war Chefredaktor von «SonntagsBlick», «Schweizer Illustrierte» und «Le Matin». Er lebt in Lausanne und Paris.