Wochenkommentar
Überzeichnete Zukunftsängste

In seinem Wochenkommentar schreibt «Nordwestschweiz»- und «Schweiz am Wochenende»-Chefredaktor Patrik Müller über neue Bücher, die unheimliche Visionen entwerfen.

Patrik Müller
Patrik Müller
Merken
Drucken
Teilen
Patrik Müller: «Intellektuelle haben Angst vor dem, was viele einfache Berufe bereits erfahren haben: Maschinen stellen sie infrage und machen sie überflüssig.» (Archivbild)

Patrik Müller: «Intellektuelle haben Angst vor dem, was viele einfache Berufe bereits erfahren haben: Maschinen stellen sie infrage und machen sie überflüssig.» (Archivbild)

Keystone/GAETAN BALLY

Es sei ein «Buch zur Zeit», lobte die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» den ersten Roman des Zürchers Jonas Lüscher.

In «Kraft» erzählt er die Geschichte eines Mannes, Richard Kraft, der unglücklich verheiratet und finanziell im Elend ist, obwohl er als Rhetorikprofessor in Tübingen ordentlich verdient. Die Erlösung winkt in Form eines Preisgeldes von 1 Million Dollar, das ein Internet-Unternehmer aus dem Silicon Valley dem Gewinner eines intellektuellen Wettbewerbs verspricht: Gesucht ist die beste Antwort auf die Frage, weshalb alles, was gut ist, gut ist und wir es dennoch verbessern können. Kraft reist nach Kalifornien, auf der Suche nach einer brillanten Antwort.

Lüscher karikiert in dem Roman, der diese Woche für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde, die Technikgläubigkeit und den Zweckoptimismus, wie er im Hightech-Tal vorherrscht, wo man glaubt, jedes Problem der Welt digital lösen zu können.

Der Autor, man merkt es schnell, steht diesem Machbarkeitswahn kritisch gegenüber, und am Schluss bleibt dem Leser das Gefühl: Was da alles auf uns zukommt, das wollen wir lieber nicht. Zum Beispiel das Erreichen der sogenannten Singularität: Jener Moment, der dann eintritt, wenn Maschinen intelligenter sind als wir und sich selber optimieren können, was zu einer Explosion des Fortschritts führt.

Genmanipulierter Elefant, kollabierendes Internet

«Kraft» ist nicht der einzige Roman, der sich mit unheimlichen Zukunftsszenarien auseinandersetzt. Der Zeitung «Le Temps» ist aufgefallen, dass auffällig viele Neuerscheinungen futuristische Handlungen haben, die oft düster sind. Auch das neue Buch von Bestsellerautor Martin Suter, «Elefant», gehört dazu.

Es dreht sich um einen gentechnisch erzeugten rosa Minielefanten, der seinen Erfinder reich machen soll. Der Hintergrund ist real: Forscher züchteten tatsächlich mittels Genmanipulation ein leuchtendes Tier – ein Kaninchen. Derweil schreibt die Genfer Autorin Aude Seigne einen Gesellschaftsroman über Millennials und über den Zusammenbruch des Internets (der Buchtitel: «Une toile large comme le monde»).

Zwar mühen sich die Schriftsteller auch nach wie vor mit Identitätsfragen und der Schweiz ab, aber dass zurzeit Zukunftsvisionen zu Romanen werden, ist vielsagend. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es auch eine solche Phase; der vielleicht bekannteste Zukunftsroman jener Zeit ist spätestens seit der NSA-Affäre wieder sehr präsent: In «Nineteen Eighty-Four» (1984) beschrieb George Orwell im Jahr 1948 den totalitären Überwachungsstaat, wie er ihn sich im Jahr 1984 vorstellt.

Die finstere Sicht der Intellektuellen auf die technologische Entwicklung ist wenig überraschend. Es ist Aufgabe der Philosophen, die Welt zu hinterfragen. Jonas Lüscher sieht aber noch einen zweiten Grund für das Missbehagen: «Manche Philosophen haben Angst, die Philosophie würde von der Technik marginalisiert werden.

Gerade die Entwicklung der künstlichen Intelligenz ist für viele Philosophen eine bedrohliche Vorstellung. Sie bilden sich viel ein auf ihre Intelligenz und fürchten, obsolet zu werden», sagte Lüscher in der «Schweiz am Wochenende». Die Intellektuellen haben also Angst vor dem, was viele einfache Berufe bereits bei der ersten industriellen Revolution erfahren haben: Maschinen stellen sie infrage.

Kollektive Abstiegsängste

Verlust- und Abstiegsängste werden kollektiv und prägen auch politische Debatten. Dass die rational notwendige Erhöhung des Rentenalters in der Reform, über die wir am 24. September abstimmen, kein Thema ist, hat auch damit zu tun, dass man gemeinhin glaubt, es gäbe für ältere Menschen ohnehin keine Arbeit mehr.

Zukunftsängste werden gerade in der AHV-Frage von beiden Lagern heraufbeschworen: Die Gegner behaupten, ein Ja zur Reform führe dazu, dass Jüngere künftig keine AHV mehr erhalten. Bundesrat Alain Berset behauptet dasselbe – für den Fall, dass die Reform abgelehnt wird.

Der Zukunftspessimismus der Intellektuellen und die Zukunftsängste vieler anderer Menschen stehen oft im Widerspruch zu den Fakten. Dass Menschen überflüssig werden und uns die Arbeit ausgeht, wie schon beim Aufkommen des Internets in den 1990er-Jahren behauptet wurde, hat sich bislang nicht einmal ansatzweise bewahrheitet.

Im Gegenteil: Soeben kamen Zahlen zur Beschäftigung in der Schweiz und in Deutschland heraus. In beiden Ländern gibts Rekorde; noch nie hatten so viele Menschen einen Job. Ob Zahlen wie diese dazu beitragen, Zukunftsängste abzubauen, ist allerdings fraglich. Denn sie dokumentieren ja bloss, wie gut es uns heute geht. Und verstärken gar das Gefühl der möglichen Fallhöhe.

Visionen, auch wenn sie überzeichnet sind, wirken in unseren Köpfen bisweilen stärker als die Realität. Selbst dann, wenn sie sich nur in einem kleinen rosa Elefanten manifestieren.